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Das Wort des Rabbi

An den Hohen Feiertagen und besonders in der Nacht des „Kol Nidre“ am Versöhnungstag füllt sich die Synagoge. An diesem Abend und während des folgenden Tages bis zur Abenddämmerung - bis zur Nei´ila (zum Abschlussgebet) - kommen und gehen Juden, die an den anderen Tagen des Jahres nie eine Synagoge besuchen. So sieht es überall in der jüdischen Welt aus. Was bringt diese Leute dazu, mit uns zu beten? Wenn ich sage „Beten“, dann will ich sie ja nicht zwingen, mit dem Heiligen, gelobt sei Er!, ein Gespräch zu führen. Ich möchte diejenigen, die in die Synagoge kommen und dabei betonen, „wir sind nicht religiös“, vielmehr daran erinnern, dass das Wort „Beten“ („lehitpallel“) im Hebräischen von der Wurzel „pll“ kommt, die „eine Gerichtsentscheidung herbeiführen“, „Schiedsrichter sein“, bedeutet. Das Wort ist so alt, dass es sich bereits im Altassyrischen in der ersten Hälfte des dritten Jahrtausends vor unserer Zeit findet: „palälum“ - „zu Gericht sitzen“, „richten“. Die Wortbildung in der Bibel lautet: Der Ewige hat bestraft („pillel“), er sass im Gericht und hat als Richter eine Strafe zugemessen.

In der reflexiven Form „hitpalel“ bedeutet das Verb „beten“ (sich Gott, irgendeiner Gottheit oder einer starken Naturmacht zuwenden, oder sich dem inneren, persönlichen Ich zuwenden); dieses Wort ist ein Ausdruck des Dankes an den Ewigen, eine Bitte um seine Hilfe und Gnade. Bei den Propheten ist es das Flehen zu Gott, dem Volk zu antworten. Es kann sich dabei auch um Danklieder wie in den Psalmen handeln. Ebendiese Wurzel gibt es übrigens auch in einer anderen semitischen Sprache, dem Arabischen, ein Wort („palay“), das dort „Forschen“, „Prüfen“ und „genau Überlegen“ bedeutet.

Wer in die Synagoge tut dies aus einem vielschichtigen Verlangen heraus, das sicherlich nicht nur mit der „Religion“ zu tun hat, die sich auf das Verhältnis zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen gründet. Ohne Zweifel: Wer es auf sich nimmt, an diesen „furchtbaren Tagen“ präsent zu sein - vor allem auch diejenigen, die das nur für ein paar bestimmte Stunden am Versöhnungstag tun -, bekundet damit, etwas auszufüllen, das mit seiner oder ihrer Identität zu tun hat, der jüdischen Identität.

Man kann sich eine Situation (mit der ich freilich einmal in Berührung gekommen bin) schwer vorstellen, in der ein Mensch nicht weiss, wer seine Eltern sind, wo genau er geboren ist und wohin er gehört. Ein solcher Mensch kann zum Beispiel in einer sozialen Einrichtung aufgezogen worden sein oder bei Adoptiveltern, die ihm nichts über seine Herkunft gesagt haben. Die menschliche Identität ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. In jedem Fall hat sie mit dem Gefühl der Zugehörigkeit zu tun, die eine Geschichte hat - nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern auch eine Familiengeschichte.

Oft machen wir uns Gedanken über unsere Herkunft und fragen uns, zu wem wir gehören. Wir ziehen es vor, dies für uns selber festzulegen - anstellen zu warten, dass andere (etwa der Staat oder Behörden) dies für uns tun.

Das Zusammenstehen am Versöhnungstag führt für viele zu einer Stärkung ihrer persönlichen Identität, zu einem Gefühl des Zusammengehörens. Gerade bei uns haben die Menschen oftmals das Gefühl, nicht deshalb etwas mit jüdischen Angelegenheiten zu tun zu haben, weil sie selbst es so gewollt haben, sondern aus einem Gefühl des Schicksals heraus, dem sie nicht entfliehen können. Denn wenn ich versuche, aus mir selbst herauszugehen, erinnert meine Umgebung mich immer wieder daran, wer ich bin und woher ich komme. „Kommen“, „Herkunft“ ist hier in abstrakter Hinsicht gemeint.

JÜDISCHE ABSTAMMUNG

Wenn man von einem Menschen sagt, dass er jüdischer Abstammung ist, so ist dieser Ausdruck sehr schwer zu definieren. Denn eine jüdische Herkunft, so will ich meinen, ist nicht nur etwas Biologisches (wie diejenigen behaupten, die den Begriff nur juristisch definieren und sich dadurch von der Kompliziertheit des Begriffs dispensieren), sondern hängt auch von der Erziehung ab, von der Art und Weise zu denken, von der Kultur, der Familie, der sozialen Gruppe und für viele (zu denen ich selbst gehöre) hängt es auch von der Zugehörigkeit zu einem Volk ab.

Ein Volk wird üblicherweise als eine Gruppe von Menschen definiert, die eine gemeinsame Vergangenheit (Geschichte) haben, eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Territorium. Diese drei Bestandteile sind im jüdischen Bewusstsein bis zum zwanzigsten Jahrhundert vorhanden - und nach zweitausend Jahren des Exils und der Zerstreuung wurde eine Bewegung mit einem utopischen Ziel gegründet, die den Namen „Zionismus“ trug und im Land Israel die beiden „Einheiten“ der Sprache und des Territoriums wieder aufrichtete.

Die gemeinsame Vergangenheit hängt in der Hauptsache mit dem Bewusstsein zusammen. Sie ist mit der Geschichte des Volkes Israel bis zur Zerstörung des zweiten Tempels verbunden. Von unserem Vater Abraham bis zur Zerstörung des zweiten Tempels gab es einen Prozess, in dem sich die schriftliche und die mündliche Tora herauskristallisierte. In der Hauptsache nach der Katastrophe des Jahres 70 n. d. Z. wurde eine literarische Anthologie geschaffen, die den Namen Tanach trug (diesen Vorgang nennt man Kanonisierung), und es entstand eine breite schriftliche Grundlage der mündlichen Tora, die die Bezeichnung Mischna trägt. Durch diese beiden Schriften, die Hebräische Bibel und die mündliche Tora (Mischna), wurde der jüdische Lebensstil geformt, der uns bis heute beeinflusst, aus dem wir schöpfen und mit dem wir schöpferisch umgehen.

Die autoritative Form der Definition und Gestaltung der jüdischen Identität im Licht der genannten Quellen und ihre Fortentwicklung dauerte bis zum Ende des achtzehnten und dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, d.h. bis zu Moses Mendelssohn (1729 – 1786). Von ihm an und aufgrund der Aufklärung und der Emanzipation befinden wir uns heute in einem neuen Stadium der Formung der jüdischen Identität. Wir stehen dabei vor drei Möglichkeiten:

DREI MÖGLICHKEITEN

1. Die traditionelle Definition: Nach der Bibel ist ein Jude oder eine Jüdin, wer in den Clan (Stamm) der Israeliten hineingeboren wurde und dessen oder deren Vater Jude ist. Zur Zeit des zweiten Tempels wurde diese Definition auf tiefgreifende Art und Weise verändert. Es gibt die Theorie, dass dies mit der römischen Besatzung des Landes Israel und der Tatsache zusammenhängt, dass zu dieser Zeit römische Soldaten jüdische Frauen vergewaltigten. Das Problem bestand in der Frage, welche Stellung diese unglücklichen Frauen - und vor allem ihre Söhne und Töchter - einnehmen sollten. Handelte es sich hier um Jüdinnen und Juden? Da trat eine Wendung ein, eine wahre Reform; die rabbinischen Weisen wollten diese Mütter und ihre Söhne und Töchter retten. Sie legten fest, dass die jüdische Identität sich von nun an in rechtlicher Hinsicht an der Mutter orientiert.

2. Die zweite Möglichkeit ist eine Erweiterung dieser traditionellen Definition, wie sie der Staat Israel vorgenommen hat. Jude ist demnach, wer einer jüdischen Mutter geboren wurde, keiner anderen Religion angehört oder zum Judentum übergetreten ist, wobei nicht festgelegt ist, um welche Art von Konversion es sich handelt. Um nach Israel einwandern zu können, reicht es aus, wenn ein Grossvater oder eine Grossmutter Jude oder Jüdin gewesen ist – eine Reaktion auf die Nürnberger Gesetze der Nationalsozialisten. Hier handelt es sich bereits um einen Zusatz, der nicht der Halacha entspricht. Denn der Grundsatz des Talmuds ist bekannt: „Man bleibt Jude, auch wenn man gesündigt hat“, das heisst, man kann das Judentum nicht verlassen. Wer als Jude geboren ist, gilt als Jude selbst dann, wenn er zu einer anderen Religion gewechselt ist. Auch wer zum Judentum konvertiert ist, bleibt ein Jude – es sei denn, er behauptet, er habe während seiner Konversion das rabbinische Gericht angelogen oder sei ohne innere Überzeugung übergetreten.

Angesichts der vielen Mischehen - viele Mischehen gab es schon zur Zeit des ersten Tempels und sicherlich auch zu Beginn der Epoche des zweiten Tempels - ist die Reformbewegung in den USA zu den biblischen Ursprüngen zurückgekehrt: Man nimmt nun auch diejenigen als Jüdinnen und Juden auf, die einen jüdischen Vater, aber keine jüdische Mutter haben, wenn sie in einer jüdischen Gemeinde gross geworden sind. Die Bar-Mizwa oder Bat-Mizwa-Zeremonie gilt dann als Konversion. (Man muss hinzufügen, dass sich dieser Brauch nicht über die Vereinigten Staaten hinaus verbreitet hat und unserer Bewegung in anderen Ländern viele Schwierigkeiten bereitet.)

Auch für uns sind für die Bestimmung der jüdischen Identität der Status der Mutter oder die Konversion entscheidend. Die jüdische Identität ist letzten Endes wirklich nicht nur eine biologische Angelegenheit und hängt in erster Linie mit der Erziehung zusammen. Ohne Zweifel hat die zionistische Bewegung mit der Betonung der Zugehörigkeit zu einem Volk, zu einer Nation, eine wichtige Komponente der jüdischen Identität aus biblischer Zeit wieder zu Ehren gebracht.

3. Die dritte Möglichkeit besteht darin, in uns selbst als Einzelnen oder als Gruppe nach Komponenten der jüdischen Identität zu suchen. Das würde heissen, dem Problem der Identität ins Auge zu sehen – nicht auf eine juristisch-halachische Art und Weise, sondern historisch und pädagogisch. Vor einige Zeit hat dies der bekannte israelische Schriftsteller Abraham B. Jehoshua getan, der unter dem Titel „Versuch über die Identifizierung und das Verständnis der Grundlage des Antisemitismus“ einen lehrreichen Aufsatz in der philosophisch-literarischen Zeitschrift „Alpayim“ (Tel Aviv Nr. 28/2005) veröffentlicht hat.

Die Besonderheit dieses Aufsatzes besteht darin, dass der Verfasser es wagt, die Frage zu stellen, was das Spezifische an der jüdischen Existenz ist, das die Völker, in deren Mitte wir leben, immer wieder dazu bringt, uns gegenüber einen so tiefsitzenden Hass zu entwickeln. Wie sind wir verschieden von ihnen, dass unser blosses Dasein unter ihnen einen Hass hervorruft, obwohl wir doch eine kleine Minderheit auf dieser Erde sind? Weil der Schriftsteller sich selbst als einen „nicht-religiösen“, aber nationalen (zionistischen) Juden bezeichnet, reflektiert er unsere Existenz auf historische Art und Weise, ohne sofort die Frage zu stellen, zu was für einer Lebensform seine Perspektive verpflichtet. Letztlich handelt es sich hier um die Sichtweise, die Anschauung und den Glauben, wie er dem liberalen Judentum entspricht. Auch für unsere innere Selbstprüfung ist es gut, sich mit seiner Anschauung auseinander zu setzen. Die Frage des Kampfes mit Gott und mit den Menschen und die Frage der Verwirklichung eines jüdischen Lebensstiles will ich dem Leser und der Leserin bewusst offen lassen.

Drei Komponenten der jüdischen Identität

Interessanterweise taucht die Frage nach der Identität vor dem Hintergrund des Antisemitismus auf. Von unserm Vater Abraham an (jedenfalls nach der Schilderung des Midrasch) bis in die Zeit des zweiten Tempels befand sich das Judentum immer in Auseinandersetzungen mit der Welt des Götzendienstes, mit einer Welt, deren Charakter durch Mythologie, Heiligtümer und Götzen geprägt wurde. Das Judentum lehnte diese Ausdrucksformen ab und stellte sich ihnen mit dem Bekenntnis zu einem abstrakten Gott frontal entgegen - einem Gott, der hoch über jedem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostverheissung wohnt, die je in der Welt gesprochen wurden (wie es im Kaddisch heisst).

Dabei wurde das Volk Israel durch seine Zerstreuung und Abtrennung charakterisiert. Es lebte zerstreut unter den verschiedenen Völkern, und sein Glaube, seine Religion waren verschieden – auch wenn es, entsprechend ihrem jeweiligen Wohnort, Ausdrucksformen gab, die die Juden mit den umgebenden Völkern teilten.

Es war von allem Anfang an der Wille der Antisemiten, das Volk Israel zu vernichten. Das ist Teil seines historischen Schicksals, und der Schriftsteller unterstreicht, dass die Juden bis zum Aufkommen des Zionismus keine besonderen Anstrengungen unternahmen, um sich diesem Schicksal zu entziehen. Die Judeophobie übte ihren Einfluss auf die Verfolger wie auf das Opfer aus.

Zwei Grundlagen, die ihrem Wesen nach in der Vorstellung bestehen, schmelzen in der jüdischen Identität zusammen oder existieren auf getrennte Weise: die Religion (der Glaube an den Schöpfer und eine Lebensweise, die diesen Glauben begleitet) und die Nationalität. Es ist interessant zu sehen, dass sich aus dem Judentum zwei Religionen entwickelten, die vielen Millionen Menschen auf der ganzen Welt eine menschliche Identität geben. Es handelt sich um monotheistische Religionen mit universalistischen Bestandteilen: das Christentum und der Islam.

Doch kehren wir zum Judentum zurück: Welches waren die ein Bewusstsein schaffenden Ereignisse in der jüdischen Geschichte, die zu Mythen wurden und eine Identität schufen? Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich für diesen Aufsatz den Begriff „Mythos“, der auf Griechisch etwa „Sage“ heisst, definieren. Es handelt sich um eine Geschichte oder um eine Begebenheit (unabhängig davon, ob diese einen sagenhaften Charakter hat oder auf ein historisches Ereignis zurückgeht), bei der die Botschaft zur Hauptsache geworden ist. Für den Mythos selbst sind dabei Ort und Zeit nicht wichtig. Er befindet sich im Grunde oberhalb der Zeit und oberhalb des Ortes. Er ist überall. Seine Kraft besteht in der Botschaft, die von ihm ausgeht.

Drei bewusstseinschaffende Ereignisse (Mythen) sind bis auf den heutigen Tag zu einer die jüdische Identität bildenden Kraft geworden. Die Geschichte der Bindung Isaaks, der Empfang der Tora am Berg Sinai und das babylonische Exil. Lassen Sie uns diese drei Begebenheiten betrachten.

DIE BINDUNG ISAAKS

Abraham, der erste Monotheist, hatte einen universalistischen Ansatz: „In dir sollen alle Familien des Erdbodens gesegnet werden“ (Genesis 12, 3). Die Botschaft galt nicht nur dem jüdischen Volk, sondern der ganzen Menschheit. „Siehe, ich habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden“ (Genesis 17, 4). Dennoch verbindet sich der monotheistische Glaube zunächst einmal mit einer biologischen Familie, und in dieser Familie nicht mit allen Familienangehörigen, sondern nur mit einem: Isaak. So heisst es auch zu Isaak wie zu seinem Vater Abraham: „Und durch dein Geschlecht sollen alle Völker der Erde gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast“ (Genesis 22, 18). Der Segen setzt sich in der Familie fort, aber er geht nicht automatisch auf den Erstgeborenen über. Jedes Mal wird einer der Söhne ausgewählt, und in der Regel ist es nicht der Erstgeborene. Wie Isaak ausgewählt wurde und nicht Ismael, so trifft die Erwählung Jakob – und nicht Esau. Zwischen dem Erwählten und dem Verstossenen bleibt aber eine Feindschaft bestehen. In den Augen des Erwählten ist es eine ewige Feindschaft, ein Gefühl der Feindseligkeit zwischen dem Volk Israel und allen anderen Völkern. Es ist wahrscheinlich, dass diese Feindschaft von der Verschiedenheit herrührt zwischen dem jüdischen Volk und allen anderen Völkern – auf diese Verschiedenheit werden wir später noch zurückkommen. Die Vorstellung einer ewigen Feindschaft kommt in der Literatur unserer rabbinischen Weisen zum Ausdruck: „Rabbi Shim´on ben Jochai sagt: Es ist der bekannte Gang der Welt, dass Esau Jakob hasst“ (Sifre, be-ha´alotkha, 69).

DAS SINAI-EREIGNIS

Der Schriftsteller Abraham B. Jehoschua schränkt sich hier ein, indem er nur sagt: „Dort schloss sich eine Gruppe von befreiten Sklaven in einer urtümlichen, vorterritoritalen und vielleicht auch vorsprachlichen Situation zur jüdischen Religion zusammen, die zu einem notwendigen Bestandteil der nationalen Identit ät wurde.“

Ich denke an dieser Stelle, dass Jehoschua die Entstehung des jüdischen Volkes als einer Nation nicht richtig verstanden hat; denn diese hängt mit dem Auszug aus Ägypten zusammen, und das hebräische Wort für Ägypten, „Mizraim“, erinnert an den Ausdruck „Mezarim“, Enge. Der Durchzug durch das Schilfmeer erinnert uns dabei an den Vorgang des Durchzugs durch eine andere Enge: die Geburt. Doch während die jüdische Tradition den Auszug aus Ägypten betont und wir an jedem Sabbat und Festtag die Erinnerung an diesen Auszug aufs Neue hervorrufen, fühlt sich der nationale Jude (A.B. Jehoschua) gerade vom Sinai-Ereignis angezogen. Es handelte sich hier jedoch um ein geistiges Ereignis. Die physische Befreiung, der Auszug aus der Sklaverei in die Freiheit, war nicht genug. Um die Freiheit zu bewahren, bedurfte es einer den Weg weisenden Tora. Während des Meerwunders sah das Volk „die starke Hand“ Gottes. Doch am Berg Sinai beginnt der Prozess der Freiheit und der Bewahrung der Freiheit, der mit dem Bund zwischen Gott und seinem Volk zu tun hat.

Doch der Schriftsteller nimmt, wie gesagt, von theologischen Diskussionen Abstand und begnügt sich mit den identitätstiftenden Ereignissen und dem Übergang von der Religion zur Nation und von der Nation zur Religion und der Zusammenschmelzung einer Einheit aus beiden. Zur Zeit des ersten Tempels, so Jehoschua, wurde die Beziehung zum Sinaigeschehen immer schwächer und wurde beinahe gänzlich ausgelöscht. Doch hier trat nun ein zusätzliches Ereignis ein.

DAS BABYLONISCHE EXIL

Nach der Zerstörung des ersten Tempels (im Jahre 586 v. d. Z.) entstand jüdisches Leben ausserhalb des Landes Israel: Ein Gemeindeleben auf fremdem Boden und innerhalb eines Gewebes fremder Völker. Ein Teil von ihnen war auch von den Babyloniern ins Exil getrieben worden und verschwand später von der historischen Bildfläche. Von einigen dieser Völker wissen wir nur dasjenige, was die Archäologen zutage gefördert haben.

Was verbindet diese drei bewusstseinschaffenden Ereignisse, die zu identitätsstiftenden Mythen geworden sind? Der Schriftsteller lässt sich nicht auf die Frage ein, ob es sich hier um im historischen Sinn wahre Ereignisse gehandelt hat. In dieser Hinsicht nimmt er die Unterscheidung zwischen „historischer Wahrheit“ und „archäologischer Wahrheit“ auf, die bereits Achad Ha-Am (das war das Pseudonym des zionistischen Essayisten Ascher Ginzberg, der 1856 in der Ukraine geboren wurde und 1927 in Tel Aviv starb) in einem seiner Aufsätze über die Figur des Moses getroffen hatte. Die archäologische Wahrheit ist an materielle Hinterlassenschaften und Beweise gebunden. Die historische Wahrheit hängt mit Bildern zusammen, die das Volk sich von seiner Geschichte und seinen Helden gemacht hat. Die Bestandteile der jüdischen Identität gehören zu dieser historischen Wahrheit.

WAS IST DIESEN DREI BESTANDTEILEN GEMEINSAM?

Die drei Komponenten: die Bindung Isaaks, das Sinai-Ereignis und das babylonische Exil erzeugen eine Wirklichkeit, eine Präsenz und ein Bewusstsein, die virtuell sind. Eine treffende Definition für diesen Begriff fand ich in einem englischen Wörterbuch: „Virtually: in effect, though not in fact“.

Von den drei Wirklichkeiten, die im jüdischen Bewusstsein existieren, ist die historische Wirklichkeit (die „archäologische Wahrheit“), die sich auf Tatsachen gründet, in keiner Weise wichtig. Aber diese drei Bestandteile ermöglichen die Erzeugung einer jüdischen Identität, die von jedem einzelnen schon allein durch die Tatsache, dass er oder sie da ist, getragen wird. Vom biblischen Text her ist es nicht wichtig, wo der Berg Moria lag. Wichtig ist, dass - wie bei Abraham und Isaak - eine Generation mit der anderen verbunden bleibt. Der Segen, der sich auf die ganze Menschheit erstreckt, geht eben von dieser Bindung aus. Die Botschaft wird von einer Gruppe von Menschen getragen, deren Nähe untereinander familiäre Nähe ist.

Was das Sinai-Ereignis anbelangt, so kann man auch den Sinai nicht lokalisieren. Ohne ihn verliert das Volk Israel seine Einzigartigkeit. Doch dabei ist es das „Stehen“ vor dem Berg, das den Ausschlag gibt - und nicht der Berg selbst. Und schliesslich der dritte Bestandteil - das babylonische Exil und der jüdische Universalismus. Virtuell lebt der Jude zwar mit dem Land Israel. Er betet in der Richtung nach Jerusalem. Er erwähnt das Land Israel in seinem Tischgebet. Er erinnert an die Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels anlässlich seiner Hochzeit. Das ist eine virtuelle Basis im Hinblick auf das Land seiner Existenz – und dies unabhängig davon, ob er nun im Land Israel selbst wohnt oder ausserhalb des Landes.

Der Schriftsteller unterlässt es freilich zu erwähnen, wo die philosophische, die glaubensmässige Basis für die jüdische Existenz des Volkes Israel herrührt. Für den glaubenden Juden hängt sie mit dem Bund zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen zusammen, der zwischen dem Volk Israel und dem Heiligen, gelobt sei Er, geschlossen wurde, (und mit der ganzen Menschheit in Folge der Sintflut im Bund zwischen Noah und dem Schöpfer) sowie mit dem Bund am Sinai und dem zusätzlichen Bund in der Steppe Moab (5. Buch Moses 29). Dieser letztere Bund wurde nicht nur mit dem damaligen Volk geschlossen, bevor es in das Land Israel einzog, sondern „auch mit denen, die heute nicht mit uns sind“, und auch mit den künftigen Generationen (Tanchuma 3).

ZUSAMMENFASSUNG

Vor uns ist ein lehrreiches Beispiel für ein Nachdenken über die jüdische Identität, das nicht auf der Halacha gründet und sich dennoch aus den jüdischen Quellen speist. Auf dieser Grundlage kann ein Dialog unter den Juden stattfinden. Auf dieser Basis können wir wieder eine erneuerte jüdische Identität erschaffen, wodurch – wie der Rabbiner Abraham Jitzhaq HaCohen Kuk gesagt hat – „das Alte erneuert und das Neue geheiligt wird. “

Im Bund in der Steppe Moab heisst es, „dass er dich heute zum Volk für sich erhebe und er dein Gott sei, wie er dir (jedem einzelnen) zugesagt hat und wie er deinen Vätern (als einzelnen) Abraham, Isaak und Jaakob zugeschworen hat“ (5. Buch Moses 29, 12). Er sprach zu ihnen: „Heute wurdet ihr vor dem Ewigen zu einer Einheit zusammen geschweisst, heute wurde der Bund erneuert, der mit eurern Vätern geschlossen worden war“ (Ha-Midrasch Ha-Gadol zu 5. Mose 29, 12).

In jeder Generation muss jeder Einzelne die Bestandteile seiner Identität neu finden. Er muss aus der historischen Wahrheit schöpfen, sie erneuern und erfrischen und die Spannung zwischen dem Glauben und der Nation bewahren. Für mich sind sie eine untrennbare Einheit.

» Tovia Ben-Chorin