Der blühende Mandelbaum verkörpert die wundersame Sprache, mit der die Natur uns mitteilt, dass die dunklen, kurzen Wintertage sich ihrem Ende zuneigen. Einem Weckruf ähnlich kündigen die Blüten den Beginn der neuen Saatsaison an.
Tu Bischwat, der 15. Tag des jüdischen Monats Schewat, ist der offizielle Neujahrstag der Bäume. Als Feiertag wird Tu Bischwat erstmals in der Mischna erwähnt, doch seine volle Blüte erlebte der Tag erst mit der zionistischen Rückkehr nach Israel. Das Hauptaugenmerk wird an Tu Bischwat auf das Land und seine Früchte gelegt, auf die Rückkehr zu den Wurzeln und auf Israel. Umgesetzt wird dieser «theoretische» Rahmen des Feiertags mit dem «praktischen» Brauch, dass man an diesem Tag möglichst viele frische und getrocknete Früchte sowie Nüsse zu essen pflegt. In den letzten Jahren hat der Tu-Bischwat-Seder sowohl in Israel als auch in der Diaspora an Beliebtheit gewonnen.
Kabbalisten in Safed haben im 16. Jahrhundert die Bedeutung des Festtages durch die Einführung eines Tu-Bischwat-Sederabends neu interpretiert. Dieser Seder lehnt sich an den Pessach-Seder an. So trinkt man an beiden Sedarim vier Gläser Wein, stellt vier Fragen, isst besondere Speisen und erzählt Geschichten wie Anekdoten im Zusammenhang mit dem jeweiligen Feiertag. Die Kabbalisten glaubten, das Essen der Früchte – zuvor sagt man die entsprechenden Segenssprüche – sei ein «tikun», eine Korrektur, welche den landwirtschaftlichen Ertrag des Jahres positiv beeinflussen könnte. Im Laufe der Zeit haben verschiedene Gemeinden den Tu-Bischwat-Seder mit eigenen Gebräuchen bereichert. Heute existiert eine spezielle Haggada für den Abend, die oft auch zeitgenössische hebräische Poesie und Lieder enthält. Tu Bischwat ist zu einer ganz besonderen Ausdrucksform der Würdigung des Landes geworden.
15 Früchte aus vier Kategorien
Wie am Pessach-Seder trinkt man auch an Tu Bischwat vier Gläser Wein. Im ersten Glas ist ausschliesslich Weisswein enthalten, als Symbol für die Kargheit des Winters. Das zweite Glas besteht mehrheitlich aus Weisswein, dem etwas Rotwein beigemischt wird – Symbol für den herannahenden Frühling. Im dritten Glas dominiert als Symbol für die volle Blüte des Frühlings der rote über den weissen Wein, und das vierte Glas ist – Symbol für die Ankunft des Sommers – reiner Rotwein. Die am Seder verzehrten Früchte gehören vier Kategorien an: Früchte mit einer harten äusseren Schale (Mandeln, Wal- und Pekannüsse), Früchte mit einem inneren Kern (Datteln, Oliven, Pflaumen, Kirschen), Früchte mit einer äusseren Schale und einem inneren Kern (Avocado, Granatäpfel, Orangen und Johannisbrot) und Früchte, die gänzlich verspeist werden können (Feigen, Trauben, Rosinen, Erdbeeren). In der Regel platziert man die 15 Früchte auf eine grosse dekorative Platte in der Mitte des Tisches.
Einer meiner Freunde hat «buksa», die Frucht des Johannisbrotbaums, stets mit Tu Bischwat in Verbindung gebracht, denn er erinnert sich, dass sein Vater diese Frucht immer zu dieser Jahreszeit nach Hause gebracht hatte. Diese Tradition lässt sich bis Rabbi Shimon Bar Jochai zurückverfolgen, der sich zusammen mit seinem Sohn 13 Jahre lang vor den Römern in einer Höhle versteckt hielt und sich von Brunnenwasser und der Frucht des Johannisbrotbaums ernährt haben soll. Rabbi Chanina Ben Dosa, der sich in Wundertheorien auskannte, soll diese Frucht ebenfalls verzehrt haben. So fingen der mittlerweile verstorbene Lubavitcher Rebbe, Rabbi Menachem Mendel Schneerson, wie seine Anhänger während des Golfkriegs von 1991 damit an, diese Frucht zu verzehren. Wunder im klassischen Sinn geschahen 1991 zwar nicht, doch nach Tu Bischwat verbesserte sich die anfangs noch dramatische Lage und man konnte eine Wende zum Besseren ausmachen.
Vier Fragen
In der Regel leitet eine Person den Tu-Bischwat-Seder. Sie verkündet jeweils, welche Frucht zu essen beziehungsweise welcher Wein zu trinken sei. Dabei spricht sie stets den passenden Segensspruch. Wie am Pessach-Seder ist es auch an Tu Bischwat möglich, dass jeder Teilnehmer ein Stück aus der Haggada vorliest. Ganz im Spiegel der heutigen Zeit können am Seder von Tu Bischwat auch vier Fragen im Zusammenhang mit Umweltfragen gestellt werden. Diese lauten: Warum ehrt dieser Feiertag die Bäume? Warum essen wir heute in Israel gewachsene Früchte? Warum denken wir heute bereits an das Pflanzen, auch wenn der Frühling noch eine Weile weg ist? Pädagogen, denen der Umweltschutz ein Anliegen ist, gehen sogar einen Schritt weiter indem sie in die Texte des Seders eine Liste von «makot» (Plagen) integrieren wollen. Als Plagen der modernen Welt sehen sie etwa Luftverschmutzung, Wasserverseuchung, Lärmemissionen, vorsätzliche Zerstörung, welche das Auslöschen von Tier- und Pflanzenarten zur Folge hat, Gleichgültigkeit der Umwelt gegenüber (Abfälle willkürlich wegwerfen, das Benutzen giftiger Materialien usw.) und sich keine Gedanken über die Zukunft zu machen.
In der Regel wird in Tu-Bischwat-Haggadot betont, wie stark die Verbindung zum Lande Israel ist. Man soll sich deshalb an der «Wiedergeburt» des Landes erfreuen und sich verpflichten, an dessen Aufbau mitzuwirken. In einer Haggada finden sich Teile von Präsident Chaim Weizmanns emotionsgeladener Rede anlässlich der Eröffnung der ersten Knesset an Tu Bischwat 1949: «Jeder Jude hat eine Verbindung zu Israel. Wir hoffen, dass das Einsammeln der in der Diaspora Lebenden mehr und mehr Leute nach Israel bringen wird, die Wurzeln schlagen und mit uns allen zusammenarbeiten werden, um den Staat Israel aufzubauen und die Wüste zum Erblühen zu bringen.»
» Sharon Kanon
Quelle: tachles Jüdisches Wochenmagazin
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