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Modell des Tempels in Jerusalem «Chanukka als Selbstvergewisserung jüdischen Freiheitsdrangs»

Die Makkabäer gelten als die Vorbilder der jüdischen Selbstverteidigung. In Zeiten, da sich der Einsatz von physischer Gewalt zur Verteidigung religiöser Ziele schnell mit dem Verdacht des Fundamentalismus verbindet, wird auch an die Makkabäer der Fundamentalismusvorwurf zuweilen herangetragen.

Von » Alfred Bodenheimer

Von Ernst Akiba Simon, einem jener deutschsprachigen Professoren, die der vor 80 Jahren gegründeten Hebrew University in den ersten Jahrzehnten ihr Profil verliehen, ist überliefert, er habe sich jeweils am Nachmittag des Purimfestes von seinem Wohnort Jerusalem nach Tel Aviv begeben und sei am Abend des darauf folgenden Tages wieder nach Jerusalem zurückgekehrt. Indem er Tel Aviv jeweils erst am Abend nach Ende des Purimfestes erreichte und den Tag danach, das so genannte Schuschan Purim, wenn das Fest in Jerusalem gefeiert wird, nicht in Jerusalem verbrachte, vermied Simon, ein aus assimilierten Verhältnissen stammender, observant gewordener Jude, die am Purim geltende Pflicht, sich die Lesung der Megilat Esther anzuhören und Purim zu feiern. Dieses Fest nämlich war ihm, aufgrund der Berichte von den Tausenden von Menschen, die die Juden laut der Megilat Esther erschlagen hätten, zu martialisch, er konnte sich mit diesem Fest nicht identifizieren.

Eine ähnliche Distanzierung ernst zu nehmender jüdischer Intellektueller von Chanukka ist undenkbar. Chanukka gilt als Fest, an dem der Sieg der Judäer gegen eine überlegene Armee und ein anschliessendes Tempelwunder (das achttägige Brennen von Lichtern der Menora mit einer kleinen Menge Öl) gefeiert wird. Gott wird gedankt, dass er «die Starken in die Hände der Schwachen, die Vielen in die Hände der Wenigen, die Bösen in die Hände der Gerechten» gab, wie es im «Al-Hanissim»-Gebet heisst.

Umso überraschender mutete es an, als vor gut einem Jahr der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann in einem Artikel in der «NZZ» schrieb, die Makkabäer, die mit kriegerischen Mitteln und auch unter Aufbietung märtyrerhafter Methoden gegen das seleukische religiöse Reformprogramm gekämpft hätten, seien die ersten religiösen Fundamentalisten der Geschichte gewesen bzw. die ersten, die aus fundamentalistischen Gründen Gewalt angewandt hätten. Dass Assmann später aufgrund dieses Artikels Antisemitismus vorgeworfen wurde, erstaunte ihn sehr.

Zum Selbstopfer bereit

Die Frage ist hier nicht, ob dieser Vorwurf zutrifft. Vielmehr soll hier die Überlegung angestellt werden, ob man die Makkabäer aus heutiger Sicht tatsächlich als Fundamentalisten bezeichnen müsste, ungeachtet dessen, dass sie ihren festen Platz im Bewusstsein und im Herzen des jüdischen Volkes haben.

Von der Argumentationsweise des Fundamentalismus aus ist der Vorwurf an die Hasmonäer weniger der, dass sie sich gegen griechische Herrschaft wehrten, sondern dass sie andere Juden, die sich den griechischen Kulten anschlossen, umbrachten und dass Juden (wie die berühmten sieben Söhne der Channa, die sich weigerten, sich vor einem Götterbild zu verneigen) auch zum Selbstopfer bereit waren. Spiegeln sich hier nicht Bilder eines modernen Fundamentalismus, der sich gegen die Übermacht einer angeblichen Sittenverderbnis der globalisierten Welt wehrt und zum Mord wie zum Märtyrertum bereit ist, um dagegen zu kämpfen? Und ist es nicht, um das Argument weiterzuführen, gerade der Monotheismus, der eine solche Haltung erst ermöglicht? Sind nicht polytheistische (oder, wie Assmann es leicht differenzierend nennt, kosmotheistische) Systeme, die Götter anderer Völker in das eigene System synthetisieren können, in ihrer Anlage schon toleranter?

Die Antwort darauf kann nicht sein, Greueltaten und rücksichtslose Massaker paganer Systeme gegen Gewalt im Namen der Religion aufzurechnen. Denn das eine wird durch das andere nicht besser, vielmehr würde der religiöse Anspruch einer sich besser (da monotheistisch) dünkenden Kultur beschädigt durch die Vergleichbarkeit mit einem dezidiert abgelehnten Glaubenssystem. Der Weg eines Einordnens der Gewalt und Selbstopferung in ein System jenseits der Polemik führt vielmehr über die politische Semantik. Wäre in einem rein politischen Unabhängigkeits- beziehungsweise Widerstandskampf das öffentliche Töten eines Kollaborateurs (und ein solcher ist ein griechischen Bräuchen Huldigender in einem Kontext, in dem, gerade von seleukidischer Seite, Kultus das Objekt von Herrschaftsausübung darstellt), wäre die Bereitschaft, eher zu sterben als einem totalitären System zu dienen, im Kontext moderner Totalitarismen ein Akt von respektablem Widerstand, so wird dasselbe in einer monotheismuskritischen Sicht zum Fundamentalismus schlechthin. Oder anders ausgedrückt: Im Kampf der Makkabäer findet vielleicht erstmals in der Geschichte ein Unabhängigkeitskampf statt, in dem es nicht nur um die Befreiung von Steuern, sozialer Unterdrückung oder Sklaverei, sprich materieller und physischer Ausbeutung geht, sondern um geistigen Widerstand. Nicht der Monotheismus würde sich also hier als die intolerante Kraft äussern, sondern vielmehr der von einem (nach massiven Niederlagen und Tributpflichten gegenüber dem Römischen Reich) um eine Resthegemonie kämpfenden Herrscher auferlegte Kult. War die religiöse Intransigenz von Antiochus erst die Reaktion auf den judäischen Widerstand gegen seinen Raub aus Beständen des Jerusalemer Tempelschatzes (wie er durchaus auch anderen Völkern zugefügt wurde) zur Bezahlung der Tributpflichten, so ist der makkabäische Kampf für die Reinigung des Tempels von der Entweihung wiederum ein Signal dafür, dass der ideelle Wert des Tempels weit über dem materiellen seines Schatzes liegt. War zu Zeiten von Alexander dem Grossen Religionsfreiheit ein Gut gewesen, das die Juden in ihrer kollektiven Erinnerung in geradezu euphorischer Weise zu schätzen wussten, so wurde der Umschlag zur kultischen Tyrannei im diadochischen Seleukidenreich zum Anlass auf eine religiöse Selbstbesinnung.

Widerstand geweckt

Religion als Ausdruck politischer Weltanschauung kann nur aus diesen Kontexten der Antike verstanden werden – auch und gerade in der sensationell neuen Form, in der sich Religion als «Befreiungstheologie» durch die Makkabäer entwickelte. Es war die dezidierte und gewalttätige Monotheismusfeindlichkeit der Seleukiden, die diesen Widerstand weckte. Ganz im Gegensatz zu dem, was die Moderne Fundamentalismus nennt: Dieser kämpft gegen eine Welt, in der «alles erlaubt» ist, er ist Ausdruck einer verzweifelten Selbstsuche in einer Welt, die den Glauben gerade durch die Idee der Religionsfreiheit in die Defensive gedrängt hat. Gerade deshalb trägt er, wie der Islamwissenschaftler Navid Kermani in einem Essay einmal festgehalten hat, in seiner gewaltsamsten Form des Selbstmordattentats nihilistische Züge in sich. Chanukka bleibt, jenseits der gefeierten Wunder, eine Selbstvergewisserung jüdischen Freiheitsdrangs, dem der üble Beigeschmack fundamentalistischer Grundmotive nur unter Verkennung des Phänomens «Fundamentalismus» angeheftet werden kann.
Quelle: Tachles

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