Das Buch «Jona» Sich dem göttlichen Gerechtigkeitsanspruch stellen
Das Buch «Jona» als Wegweiser für die Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Verheissung an Jom Kippur.
Von » Michel Bollag
An den Werktagen zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur werden am Ende der elften Bracha der «Schemone Essre» die Worte «Gesegnet bist du Ewiger, König, der du Gerechtigkeit und Recht liebst», die das ganze Jahr hindurch gesagt werden, durch die Worte «Gesegnet bist du, König des Rechts» ersetzt. Das Bild eines Königs, der am Gerichtstag die Taten der Menschen prüft und das Schicksal jedes Einzelnen für das kommende Jahr bestimmt, gehört zu den prägnantesten Vorstellungen der hohen Feiertage. In der Liturgie dieser Tage wird Gott als König der Welt anerkannt, der in Wahrheit thront und die Durchsetzung seines Rechts auf der ganzen Welt einfordert. Die tiefe Sehnsucht der jüdischen Seele nach absoluter Gerechtigkeit in einer erlösten Welt äussert sich an Rosch Haschana und Jom Kippur zum Beispiel in den sieben beziehungsweise acht Mal wiederholten Worten «Das Laster wird seinen Mund schliessen, und die ganze Bosheit wird wie Rauch vergehen, wenn du die Herrschaft des Frevels von der Erde verschwinden lässt.» Diese Sehnsucht nach dem «Verschwinden der Herrschaft des Frevels» ist ein konstitutives Moment der jüdischen Identität. Gott selbst verknüpft die Erwählung Awrahams mit dem Auftrag, seine Nachkommen die Wege der Gerechtigkeit und des Rechts zu lehren. Deshalb teilt Gott Awraham seine Absicht mit, die beiden Städten Sdom und Amora zu vernichten, denn, so sagt er, «ich habe ihn auserkoren, damit er seinen Kindern und seinem Haus gebiete, den Weg des Ewigen zu beachten, Tugend und Gerechtigkeit zu üben. Damit der Ewige über Awraham kommen lasse, was er ihm verheissen hat.»
Durchbruch des göttlichen Rechts
Die Forderung, Recht und Gerechtigkeit zu üben und für deren gesellschaftliche Durchsetzung zu kämpfen, gehört zum Kern der prophetischen Botschaft. Damit sie an Jom Kippur nicht aus den Augen verloren wird, wenn die Gefahr besteht, dass wir uns allzu schnell mit den rituellen Anforderungen des Fastens und Betens begnügen, im Irrglauben, diese hätten vielleicht eine quasi magische, automatische Wirkung auf das göttliche Gerichtsurteil und könnten die ehrliche Umkehr ersetzen, haben die Gelehrten als Haftara einen Text aus dem Buch «Jeschajahu» ausgewählt. Der Text fordert eindringlich dazu auf, jene Gebote zu erfüllen, die dem göttlichen Recht zum Durchbruch verhelfen. «Ist nicht das ein Fasten, dass ich verlange, dass man der Bosheit Bande öffne, der Unterdrückung Knoten löse, die Unterdrückten in die Freiheit schicke und jedes Joch zerbreche. Führwahr: dem Hungrigen brich dein Brot, bedrängte Arme nimm in deinem Hause auf, wenn du einen Nackten siehst, so bedecke ihn, und dem, der deines Fleisches ist, entziehe dich nicht. Dann wird wie der Morgen dein Licht anbrechen und deine Heilung rasch aufspriessen, und Gerechtigkeit wird vor dir hergehen und die Gerechtigkeit des Ewigen dich aufnehmen.» Die Propheten haben aber nicht nur das Volk zur Umkehr und zur Praxis von Recht und Gerechtigkeit aufgefordert. Sie haben auch die Vision einer Zeit formuliert, in der Recht und Gerechtigkeit sich auf der ganzen Welt durchsetzen, eine Vision dessen, was die Welt gemäss göttlichem Willen sein sollte, und die ein Jude niemals aus den Augen verlieren darf. Gemäss Maimonides gehört das Festhalten an der Vision eines Reiches, in dem die göttliche Gerechtigkeit obsiegt, zu den Grundprinzipien der jüdischen Glaubenspraxis. Doch wie steht es um Gottes Anteil bei der Durchsetzung von Recht und Gerechtigkeit auf Erden? Führt er die Welt so, dass das Böse auf der Welt zurückgedrängt wird, indem er diejenigen, die sein Recht missachten, bestraft? Oder nimmt er im Gegenteil nicht vielmehr die Unvollkommenheit dieser Welt in Kauf, indem er diejenigen weiter leben lässt, die gedemütigt, beraubt, vergewaltigt und gemordet haben, und indem er das an unzähligen Menschen geschehene Unrecht ungesühnt lässt? Das Buch «Jona» ist dieser Frage, welche sich der nach göttlicher Gerechtigkeit sehnende Mensch stellt, gewidmet, und wir lesen es am Mincha-Gottesdienst von Jom Kippur. Weshalb gerade diese theologisch-prophetische Erzählung, wie Uriel Simon dieses Buch in seinem umfassenden Kommentar charakterisiert hat, in den letzten Stunden des Fasttages gelesen wird, soll am Schluss unserer Betrachtungen zum Vorschein kommen.
Jona, der seine jüdische Identität laut und stark mit den Worten «Ein Iwri bin ich und den Ewigen, den Gott des Himmels, fürchte ich» bekennt, wird, wie schon sein erster Stammvater Awraham, von Gott aufgefordert, sich dem göttlichen Gerechtigkeitsanspruch zu stellen und ihn mit Nachdruck vor den Menschen zu vertreten. Angesichts dieses Auftrages könnte seine Reaktion von derjenigen Awrahams unterschiedlicher nicht sein.
Als Awraham die göttliche Absicht vernimmt, die Städten Sdom und Amora ihrer Bosheit wegen zu zerstören, fleht er Gott im Namen der Gerechtigkeit an: «Vielleicht gibt es 50 Gerechte in der Stadt, willst du auch dann vernichten und nicht vergeben dem Orte um der 50 Gerechten willen, die darin sind? Fern sei von dir, solches zu tun, zu töten den Gerechten mit dem Frevler, dass der Gerechte sei wie der Frevler. Fern sei es von dir. Der Richter der ganzen Erde sollte nicht Recht üben?
Recht und Gerechtigkeit
Awrahams Haltung und Antwort ist im Leitwort, das auch von anderen biblischen Figuren, so zum Beispiel von Josef und Samuel, zu hören ist, enthalten: «hineni», «hier bin ich». Dieses «hineni» gilt für Awraham sowohl Gott wie auch Menschen gegenüber. Ja, die beiden Dimensionen lassen sich kaum voneinander trennen. Awraham ist für andere Menschen da und in dem er sich für andere Menschen im Namen der göttlichen Gerechtigkeit einsetzt, ist er auch für Gott da, weil göttliche Gerechtigkeit und Dasein für die anderen auf dieser Welt nicht voneinander zu trennen sind. Das eine ist mit dem anderen verknüpft und eine noch höhere, perfekte Gerechtigkeit, die all unsere Fragen bezüglich des Weiterbestehens von Unrecht und unverdientem Leid beantwortet, ist jenseits unseres begrenzten Erkenntnisvermögens.
Recht und Gerechtigkeit sind für Awraham Synonym für Leben. Im Namen des göttlichen Rechts plädiert er für die Rettung der ganzen Stadt, auch dann, wenn nur zehn Gerechte in deren Mitte leben sollten. Die göttliche Gerechtigkeit, von der Awraham spricht, soll zurückführen ins Leben. Dass Awrahams Flehen und Ringen keine Änderung des göttlichen Ratschlusses zur Folge hat, führt ihn nicht in die Resignation. Awraham ist bescheiden und anerkennt im Vornherein seine menschlichen Grenzen, indem er sagt: «Ich bin Staub und Asche.» Das Wissen um seinen Auftrag, für göttliche Gerechtigkeit auf dieser Welt kämpfen zu müssen, macht ihn nicht überheblich, und er verfällt nicht in eine Depression angesichts seines Misserfolgs in Sdom, das von Gott zerstört wird. Awraham anerkennt seine Grenzen «und kehrt zu seinem Ort zurück». Er nimmt zur Kenntnis, dass in den Augen Gottes Sdom nicht gerettet werden kann.
Gegenüber dem Leitmotiv «hier bin ich», das im Mittelpunkt des Lebens Awrahams steht, ist das Leitmotiv Jonas von Anfang an dasjenige der Flucht. Gott sagte Jona: «Auf gehe nach Ninwe, der grossen Stadt, und rufe über sie, denn ihre Bosheit ist heraufgestiegen vor mir.» Jonas selbstgerechte Reaktion unmittelbar darauf lautet: «Aber Jona machte sich auf, nach Tarschisch zu fliehen, hinweg von dem Angesicht des Ewigen.» Durch alle Episoden der Erzählung hindurch hören wir den Nachhall dieser Flucht. Ihre Begründung hören wir erst im letzten Kapitel des Buches, als Ninwe entgegen der Vernichtungsdrohung, die der Prophet ihr seinem göttlichen Auftrag entsprechend überbracht hatte, doch am Leben blieb: «Oh Ewiger», sagt Jona, «war das nicht meine Rede, als ich noch in meinem Lande war? Darum kam ich zuvor nach Tarschisch, da ich wusste, du seiest ein gnädiger und barmherziger Gott, langmütig und von grosser Huld, und nimmst das Verhängnis zurück.» Ja, Jona verzweifelt so sehr an der göttlichen Gerechtigkeit, die immer wieder Unrecht ungeahndet lässt und damit die Welt im Zustand der Unvollkommenheit lässt, in der gemäss Jonas Logik das Böse immer von Neuem reproduziert wird, dass er den Tod dem Leben vorzieht und sogar von Gott selbst, wie wir heute sagen würden, Beihilfe zum Selbstmord anfordert.
Wie alle Propheten träumt auch Jona ben Amitai von einer perfekten Welt, in der das absolute göttliche Recht, das er vermeintlich kennt, sich durchsetzt. Er träumt von einer Welt, in der, wer gut ist, gemäss seinen Taten belohnt wird, und wer Böses tut, seinen Missetaten entsprechend bestraft wird. Jona ringt nicht mit Gott um die Rettung der Menschen in der Stadt, er fordert nicht die Umkehr in der Hoffnung, dass seine Prophezeiungen sich nicht erfüllen. Er handelt nicht so wie Awraham es tat, er kehrt auch nicht an seinen Ort zurück. Nein, er wendet sich von der Stadt ab und wartet selbstsicher und selbstgerecht darauf, dass seine Vermutung eintrete. Das Schicksal der Einwohner Niniwes scheint ihn kalt zu lassen. Im Gegensatz zu Awraham gilt für ihn ein abstraktes, von der Sorge um das wirkliche Leben der Menschen losgelöstes Gerechtigkeitsprinzip. Dass die Menschen von Ninwe Teschuwa getan haben, lässt ihn unberührt. Auch wenn sie ehrlich gewesen sein sollte – unter den Gelehrten und Kommentatoren bleibt diese Frage umstritten –, bleibt die Rettung Ninwes in den Augen Jonas ein revoltierender Skandal, weil diese Teschuwa das Leiden der Opfer nicht ungeschehen macht und sich Gott als Herr des Rechts und der Gerechtigkeit, der das Böse wie Rauch vergehen lässt, nicht durchsetzt.
Vertrauen stärken
Die Gerechtigkeit, die Jona fordert, ist aber nur eine scheinbar göttliche. Sie möchte Gott festhalten können, misst ihn am menschlichen Verstand. Jonas Gottesglaube hat mehr mit dem Bedürfnis zu tun, alles verstehen und beherrschen zu wollen, selbst das göttliche Handeln, als mit der demütigen Einsicht in die Grenzen menschlicher Macht und Machbarkeit und der Anerkennung der göttlichen Grösse.
Diese Einsicht mag ihm nur die Erfahrung der eigenen Brüchigkeit und Abhängigkeit zu vermitteln. Gott belehrt seinen Propheten mittels einer Pflanze, die er zunächst wachsen lässt, die ihm Schatten spendet und seinen Lebensverdruss mindert. Erst als Gott die Pflanze verdorren lässt und Jona am eigenen Leib Leiden und sein Angewiesensein auf Erbarmen verspürt, vermag er zu erkennen, dass die Welt auf der Eigenschaft des absoluten göttlichen Rechts nicht bestehen kann. «Da sprach der Ewige: Dir ist leid um den Kikajon (die Rizinuspflanze), mit dem du keine Mühe gehabt und den du nicht gross gezogen hast, der als Kind einer Nacht entstanden und als Kind einer Nacht verschwunden ist. Und mir soll nicht Leid sein um Ninwe, die grosse Stadt, in welcher mehr als zwölf Myriaden Menschen sind, die nicht wissen zu unterscheiden zwischen der Rechten und der Linken, dazu viel Vieh.»
Das Verblüffende an dieser Belehrung ist, dass Gott die Rettung Niniwes nicht mit der Umkehr ihrer Bewohner begründet, was ja irgendwie immer noch mit dem Mass der göttlichen Gerechtigkeit erklärt werden könnte und in der Logik des Propheten noch vollkommen Platz hätte, sondern einzig und allein mit seinem Erbarmen, der Liebe zu seinen Geschöpfen. Gott rettet Ninwe, weil er die Unvollkommenheit des Menschen anerkennt und die Welt ohne der Eigenschaft des Erbarmens nicht bestehen könnte.
Die Lektüre des Buches «Jona» am Ende von Jom Kippur soll unser Vertrauen auf göttliches Erbarmen stärken, das all unsere Schwächen und unsere wiederholten Rückfälle in alte Verhaltensmuster zum Trotz immer wieder einen Neubeginn zulässt. Dann, wenn unsere Kräfte durch das Fasten nachzulassen beginnen und wir wie Jona unsere Bedürftigkeit und Abhängigkeit am eigenen Leib erfahren, soll das Wissen, dass Gott ein König ist, der das Leben will und bei dem Gerechtigkeit und Erbarmen eine Einheit bilden, zusätzliche Energien mobilisieren, damit wir die Chance packen und den Versuch wagen, uns zu erneuern.
Michel Bollag ist Co-Leiter vom Zürcher Lehrhaus – Stiftung für Kirche und Judentum (» www.lehrhaus.ch) und arbeitet in diversen interreligiösen Dialoggruppen mit.
© 2001 - 2005 tachles Jüdisches Wochenmagazin
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