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Von Michael Handelsaltz

Im Staat Israel, der vor 60 Jahren als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes gegründet wurde, das „der ganzen Welt das ewige Buch der Bücher vermacht hat“ (so die Unabhängigkeitserklärung); dessen Amtssprache – neben dem Arabischen – Hebräisch ist, in dem eben jenes Buch der Bücher geschrieben wurde, ist die Herausgabe der Bibel im Hebräisch unserer Tage initiiert worden - mit anderen Worten: ihre Übersetzung ins Hebräische. Ihre Neufassung in derselben Sprache, mit anderen Wörtern.

Es handelt sich hier um eine private kommerzielle Initiative eines alten Bibellehrers, Avraham Ahuvia, und des Verlegers Rafi Moses vom Reches-Verlag. Der Text ist gänzlich punktiert, die Originalverse stehen neben den übersetzten. Im Erziehungsministerium ertönten bereits Wehklagen, und geschwind ist eine Anweisung erlassen worden, die die Benutzung der neuen Übersetzung in den Schulen verbietet. Die Gefahr ist somit abgewendet. Selbst wenn sie wollten, werden Israels Schüler und Lehrer nicht von der neuen Schriftrolle zehren können.

Robert Graves, der 1964 vom britischen Nationaltheater um eine Übersetzung von Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ ins Englische gebeten wurde und dies tat, um dem englischen Zuschauer das Verständnis des 400 Jahre zuvor in englischer Sprache erschienenen Stückes zu erleichtern, sagte: „Was Shakespeare einzigartig macht, ist, dass er wirklich gut ist, trotz all der Leute die sagen, dass er gut ist.“

Die neue Übersetzung beweist, dass dies auch auf die Bibel zutrifft. Es genügt, das Original mit der Übersetzung des ersten Verses des Buchs Genesis zu vergleichen. Der Unterschied zwischen dem Original – „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ - und der Übersetzung - „Am Anfang der Schöpfung, als Gott die Welt schuf“, ist wie der zwischen Himmel und Erde. Wie jedes grosse Sprachkunstwerk ist die Bibel in derselben Sprache mit anderen Wörtern ein völlig anderes Kunstwerk.

Die Initiatoren der Übersetzung beeilten sich darauf hinzuweisen, dass ihr Werk um seiner selbst willen gemacht worden sei. „Die Sprache der Bibel ist eine ‚Fremdsprache’ für Israels Schüler, und es besteht der Bedarf nach Vermittlung in einer leichten Sprache, um den Lehrern die Zeit zur Vertiefung freizumachen“, sagte Rafi Moses (der entschieden hat, sich selbst mit dem Unternehmen zu verewigen, in dem er es „RaM-Bibel“ betitelte). Übersetzer Avraham Ahuvia fügte hinzu: „Ich wurde überzeugt, weil wir Lehrer im Unterricht die Bibel mündlich für die Schüler übersetzen, die sich mit dem Verständnis der erhabenen Sprache schwer tun.“

Hier muss man daran erinnern, dass die Entwicklung der westlichen Zivilisation in ihren Sprachen während mehr als zweitausend Jahren dank der Bibelübersetzungen vom Hebräischen ins Aramäische, Griechische, Lateinische und Englische bereichert worden ist. Das Hebräische entwickelte sich selbst über die Generationen hinweg durch Gelehrte, die die Bibel wieder und wieder in die Sprache ihrer Zeit übersetzten, und daher stammen der Talmud und seine Sprache. Und in der Tat gibt es einen Unterschied zwischen dem Hebräisch der Bibel und dem von heute, obwohl es dieselbe Sprache ist. Was noch wichtiger ist: Es gibt einen grossen Unterschied zwischen Hebräischsprechenden vor 60 und mehr Jahren, und denen, die es heute sprechen, obwohl es dieselbe Sprache ist.

Mein Grossvater, Israel Eliyahu Handelsaltz, der als Hebräischlehrer und Übersetzer in Polen ein oder zwei Dinge über die Übersetzung der Bibel und ihre Nähe zum gesprochenen Hebräisch wusste, hat das Problem im Jahre 1919 gut auf den Punkt gebracht. Er übersetzte das Buch Esther vom Aramäischen ins Hebräische und die aramäischen Teile des Buches Daniel. In einem Artikel, den er in der pädagogischen Zeitschrift „Hamadrich“ (erschienen in Lodz/Polen) veröffentlichte, schrieb er: „Einst erwarb man die Kenntnis der Hebräischen Sprache durch die Kenntnis der Heiligen Schrift und des Talmud, die Kenntnis der Grammatik begann mit der Auslegung Raschis, dem Stil der Mischna und ihren Verzweigungen, der Sprache der Rabbiner (…), Unbildung war damals keine Option. Ein ‚Hebräisch-Kundiger’ und ein Ignorant waren zwei Gegensätze. Nun haben sich die Dinge geändert: Der durchschnittliche Hebräisch-Kundige braucht die Bibel überhaupt nicht, und wenn er sie gelernt hat, dann nur stückweise und mit Unterbrechungen. Nun ist es möglich, die Hebräische Sprache zu beherrschen und dennoch ignorant und unwissend zu sein. (…).“

Ich kann meinen Grossvater nicht fragen, was er von der neuen Übersetzung hält. Er wurde 1941 im russischen Novgorod ermordet. Aus seinem Artikel geht jedoch klar hervor, dass er über das gleiche Problem spricht, das die neuen Übersetzer bewegt hat: Die Umwandlung der heiligen Sprache in eine Alltagssprache hat einen Preis gehabt – Generationen, die die Sprache der Bibel sprechen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Wenn sie ein einfaches Wort wie „Himmel“ sagen, wissen sie nicht, dass sie das Buch Genesis zitieren, genauso wie Monsieur Jourdain in „Le Bourgois Gentilhomme“ sein ganzes Leben in Prosa gesprochen hat, ohne zu wissen, dass es Prosa war.

Inspirierte Bibellehrer und -lehrerinnen sollten es den Hebräisch-Muttersprachlern nicht einfacher machen, die Sprache der Bibel zu verstehen, in der sie sprechen, ihnen die Bibel nicht dadurch leichter machen, dass sie sie sanft ermorden. Vielmehr sollten sie ihnen zeigen, mit welch geringem geistigen Aufwand sie sie so, wie sie ist, verstehen können.

Ich mache mir keine Sorgen um die Bibel und ihre Sprache, und auch nicht um das Alltagshebräisch. Sie haben genug Anhänger (Meir Shalev z.B., der „Bibel jetzt“ geschrieben hat und jüngst die Bibelstudie „Reishit, Pa’amim Rishonot Bemikra“). Das Hebräisch kann auf sich selbst aufpassen. Die Bibel ist ewig, aus sich heraus. Das einzige, was sie fürchten müssen, sind Lehrer mit guten Absichten.

Quelle: Haaretz
15.September 2008

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