Jerusalem im jüdischen Bewusstsein
Der neunte Tag des hebräischen Monats Av ist ein Hauptfasttag des jüdischen Kalenders. An ihm betrauert das Volk die Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels, mit dem nachfolgenden Verlust der Souveränität über das Heilige Land und dem Exil.
Tisha Be' Aw ist der Höhepunkt einer dreiwöchigen Trauerperiode, deren letzte neun Tage besonders intensiv sind. Viele Bräuche, die den Trauerriten nach dem Verlust eines engen Familienmitgliedes ähnlich sind, werden ausgeführt. Die "Drei Wochen" beginnen am 17. Tag des Monats Tammus, dem Datum, an dem die äussere Stadtmauer Jerusalems während der Belagerung durchbrochen wurde. An diesem Tag zerbrach Moses auch die ersten Bundestafeln, als er vom Berg Sinai herabkam und das Volk bei der Verehrung des Goldenen Kalbes antraf.
Am Neunten Aw fiel die Festung Betar, am Neunten Aw begann die Vertreibung der Juden aus Spanien, am Neunten Aw begannen die ersten Deportationen aus dem Warschauer Ghetto, ...
In Israel sind an diesem Tag die Restaurants und Vergnügungsplätze geschlossen, Lebensmittelgeschäfte öffnen nur einige Stunden am Morgen. Der Tag hat religiöse Bedeutung und er ist wichtig auch im Zusammenhang mit Staat und nationaler Souveränität - egal ob jemand fastet oder nicht.
Der traditionelle Gottesdienst beinhaltet die Lesung der Kinot - der Klagelieder. 25 Stunden lang wird gefastet, man enthält sich aller Bequemlichkeiten und körperlichen Kontakte. In Jerusalem strömen tausende Menschen zur Westmauer, um der Zerstörung des Tempels zu gedenken und um Erlösung zu beten.
Durch die Zeiten
Abraham wurde auf einen Hügel im Land Moriah gesandt, um dort seinen Sohn Isaak zu opfern. Dieser Platz ist der heutige Tempelberg. Die Bindung und Erlösung Isaaks sind mit der Heiligkeit des Ortes verbunden.
Die physische Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Jerusalem kommt erstmals zutage, als König David die Stadt von den Jebusitern eroberte, den Tempelberg kaufte und Jerusalem zu seiner Hauptstadt machte.
Nach der Zerstörung des Ersten Tempels wurde der Großteil der jüdischen Bevölkerung in das babylonische Exil geführt. Dort sassen sie an den Flüssen und schworen unter Tränen Jerusalem niemals zu vergessen: "Jerusalem, wollte ich deiner vergessen, soll verdorren meine Rechte. Es klebe mir die Zunge am Gaumen, sollte ich deiner nimmer gedenken; Wollte ich nicht erheben Jerusalem über all meine Freude."
In der Zeit der Hasmonäer lag die Essenz des Kampfes um Jerusalem in der Etablierung des jüdischen Charakters der Stadt und der Entfernung heidnischer Praktiken aus dem Tempel und des Hellenismus aus dem öffentlichen Leben. Unter anderen Umständen hätte es keine nationale Erhebung gegen die jüdische Unterwürfigkeit unter die Griechen gegeben.
Die Bedeutung Jerusalems als nationales Symbol wuchs in den folgenden Perioden der Fremdherrschaft: während der Grossen Rebellion und dem Bar Kochba Aufstand wurden Münzen zuer Erinnerung an Jerusalem geprägt.
Erst nach der Zerstörung des Zweiten Tempels verwandelte sich die Bedeutung Jerusalems so, wie wir sie heute kennen - in das Zentrum, um das sich jüdisches Leben dreht und auf das das gesamte jüdische Volk seine nationalen Bestrebungen und messianischen Hoffnungen richtet.
Es ist nicht nur eine spirituelle Verbindung, sondern auch eine physische: alle Synagogen auf der ganzen Welt sind in Richtung Jerusalem gebaut. Die täglichen Gebete und das Festtagsgebet beziehen sich auf Jerusalem; die Liturgie enthält fünf Segenssprüche für Jerusalem, viele Rituale zu Hause und in der Gemeinde beschreiben und memorieren die Stadt.
Jerusalem ist ein Hauptthema der modernen hebräischen Lyrik; die Kinot , die Klageliturgie des Tisha Be' Aw, konzentriert sich auf Jerusalem, da sie das Schicksal des jüdischen Volkes im Exil beklagt.
Da der Kreislauf des Lebens immer weitergeht und sich wiederholt, haben uns die mit Jerusalem verbundenen Traditionen auch daran erinnert, daß keine Freude ohne Jerusalem vollständig ist:
- bei der Unterzeichnung eines Verlobungsvertrages wird ein Teller zerbrochen;
- unter der Chuppah zerbricht der Bräutigam ein Glas am Ende der Zeremonie;
- ein kleiner Teil der Mauer in jedem neuen Haus bleibt unverputzt oder unbemalt - unvollständig.
Viele Generationen lang war es den meisten Juden unmöglich auch nur davon zu träumen, selbst in Jerusalem zu leben. Aber sie unterstützten die dort ansässigen Gemeinden, beherbergten Gäste, die aus Jerusalem anreisten, um Gelder zu sammeln. Dies war mehr als eine Form der Wohltätigkeit: es brachten Jerusalem zu jedem und jeden nach Jerusalem - ein Lebensweg.
Das Leben in der Diaspora wäre ohne Jerusalem nicht vollständig: die Hoffnung auf Erlösung und die Rückkehr des jüdischen Volkes nach Eretz Israel hatten ihren Mittelpunkt stets in Jerusalem. Diese Sehnsucht und diese Hoffnungen werden am Neunten Aw besonders schmerzlich gefühlt und ausgedrückt.
Quelle: Pädagogik Zentrum - Israel
| zum Seitenanfang |
Weitere Berichte:
| zum Seitenanfang |











