Neu in Israel: Universität in der Eisenbahn

Wer in Israel an einer akademischen Vorlesung teilnehmen will, braucht ab sofort nicht mehr in die Universität zu gehen. Er kann sich auch in einen Zug setzen und während der Fahrt wissenschaftliche Vorträge zu unterschiedlichen Themen hören.

Bei dem Projekt arbeiten die Hebräische Universität Jerusalem und die Israelische Bahn zusammen. Die Teilnahme selbst ist kostenfrei, bis auf den Preis für die Fahrkarte. Die Vorträge dauern 20 Minuten, dann ist etwa zehn Minuten lang Zeit für Fragen an den Dozenten. Wer zu spät kommt, verpasst den Zug und damit auch die Vorlesung.

Am Mittwoch fand der erste Vortrag in der Bahn statt, die um 9.43 Uhr in Modi´in abfuhr und um 10.28 Uhr in Tel Aviv ankam: Der Physikprofessor Hanoch Gottfreund sprach über die Liebesbriefe Albert Einsteins. "Jeder in diesem Waggon ist heute eine Versuchsmaus, und ich bin ein Versuchskaninchen", sagte der frühere Rektor der Hebräischen Universität in seiner ungewöhnlichen Vorlesung. "Wir haben niemals so etwas getan. Ich habe nie vor einem Publikum gesprochen, in dem manche Leute mit dem Rücken zu mir sassen. Aber wir hoffen, dass wir, die wir normalerweise abgesondert an der Universität sind, auf diese Weise eine breitere Öffentlichkeit erreichen."


Bezug zwischen Relativitätstheorie und Eisenbahn

Gottfreund fügte hinzu: "Die Relativitätstheorie ist immer mit Zügen verbunden. Einstein sagte, wenn wir in einem Zug sind, dessen Fenster abgedichtet sind (und dessen Gleise und Räder gut geschmiert sind), so dass die Passagiere die vorbeifliegenden Bäume nicht sehen, dann kann kein wissenschaftliches Experiment den Passagieren mitteilen, ob sie sich bewegen. Diese Annahme Einsteins ist die Grundlage für alles, was folgte - einschliesslich der ganzen Theorie von der speziellen Relativität, einschliesslich der Formel E=MC². Es gibt also wirklich einen besonderen Grund, in einem Zug über Einstein zu sprechen."

Die wissenschaftliche Arbeit des Physiknobelpreisträgers habe sich auch in dessen Liebesbriefen niedergeschlagen, teilte der Einstein-Experte mit. "Wir würden Briefe wie die von Einstein nicht in der Generation der Mobiltelefon-Textnachrichten sehen. Ihre Generation verpasst dies." Er fuhr fort: "Neben den intimen Äusserungen in jedem Liebesbrief gibt es Zeugnisse seines Nachsinnens über Themen aus der Welt der Physik, das er mit den Frauen teilte, die er liebte."


Öffentlichkeit und Akademie verbinden

Aus der Hebräischen Universität hieß es laut der Tageszeitung "Ma´ariv": "Unser Ziel ist es, den Campus zu verlassen und die breite Öffentlichkeit zu erreichen. Wir werden auch an ungewöhnlichen Orten mit der Öffentlichkeit zusammentreffen und sie mit dem verbinden, was in der Akademie geschieht. Aus Sicht der Bahn gibt es einen Mehrwert für die Passagiere, und aus unserer Sicht gibt es ein erwünschtes Zusammentreffen zwischen den Akademiechefs und der Öffentlichkeit."

Die Passagiere reagierten zufrieden auf die erste Eisenbahn-Vorlesung: "Viele von uns haben davon geträumt, Universitätsvorlesungen zu hören, aber haben keine Zeit dafür", sagte eine Reisende gegenüber der Zeitung "Ha´aretz". "Wenn die Universität zu uns kommt, umso besser." Ein anderer Passagier bemerkte: "Ich habe den Zug um 8.43 Uhr verpasst, aber ich habe dies gewonnen: Eine halbe Stunde lang, statt in der Zeitung zu lesen, gab es eine faszinierende Vorlesung."

Auf die Frage, wie viele Fahrten für einen akademischen Abschluss benötigt würden, antwortete Professor Gottfreund: "Es kommt darauf an, wie schnell der Zug fährt."

Quelle: jns und Agenturen
6.November 2009


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