Tabu-Thema Nahostkonflikt? |
||||||||||||||||||
Wer sich öffentlich zu einer kritischen Haltung gegenüber der israelischen Politik im Umgang mit den Palästinensern bekennt, riskiert, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz ausgegrenzt zu werden. Kann über den Nahostkonflikt nicht offen debattiert werden? |
|
|||||||||||||||||
«Ausdruck von Ängsten»
|
||||||||||||||||||
Die Psychologin und Psychoanalytikerin Madeleine Dreyfus bestätigt: «Es ist tatsächlich sehr schwierig, eine differenzierte Diskussion zu führen», welche sich auch publizistisch mit Fragen der jüdischen Identität in der Schweiz befasse. Sie begründet dies mit der Emotionalität des Themas «Israel», die ein Ausdruck von Ängsten angesichts der fortwährenden Bedrohungslage sei. In der kleinen jüdischen Gemeinschaft glaube man stärker zu sein, wenn man in der Öffentlichkeit einig auftrete. Diese Haltung sei allerdings einem lebendigen Meinungsaustausch nicht förderlich, findet Dreyfus. Vor allem sollte man sich gegenseitig das Motiv der Liebe zu Israel nicht absprechen. «Da haben wir ein Problem – ganz klar», sagt auch Roman Rosenstein, auf das Stichwort der jüdischen Diskussionskultur angesprochen. Der Unternehmensberater, ehemaliger Präsident der Jüdischen Kommunikationsschule Schweiz und der Anti-Defamation-Kommission der Zürcher Augustin-Keller-Loge, sieht die Ursache in der nachlassenden Auseinandersetzung mit der jüdischen Identität. Die daraus entstehende Unsicherheit führe zu einer Kommunikationskultur, «die von vielen Vorurteilen und angezogener Handbremse gekennzeichnet ist». |
||||||||||||||||||
Schwieriger innereligiöser Dialog
|
||||||||||||||||||
Michel Bollag, Co-Leiter des Zürcher Lehrhauses, bringt einen weiteren Aspekt in die Diskussion: «Der Hauptkonflikt liegt heute nicht zwischen den Religionen, sondern zwischen verschiedenen Sichtweisen innerhalb der einzelnen Religionen». Auf der einen Seite führe die Angst vor Werteverlust zu konservativen bis fundamentalistischen Positionen, auf der anderen Seite versuche eine dynamische Interpretation der eigenen Tradition, diese an die Moderne anzupassen. Juden, Christen und Muslime stellten übereinstimmend fest, dass der interreligiöse Dialog einfacher sei als derjenige innerhalb der eigenen Gemeinschaft, sagt Bollag, der zu den Erstunterzeichnern des Appells an die israelische Regierung gehört. Auf die Frage, ob er auch in seiner früheren Funktion als Rabbinatsassistent und Rektor der Religionsschule der ICZ unterzeichnet hätte, antwortet Bollag spontan: «Ganz sicher nicht mit Namen, sondern anonym.» Niemand, der in einem offiziellen Amt arbeite, könne es sich leisten, öffentlich eine kritische Position zu Israel einzunehmen. Sonst werde er «sehr schnell als Verräter dargestellt», der die Delegitimierung des Staates Israel in der Öffentlichkeit fördere und damit dem Antisemitismus Vorschub leiste. Persönlich werde er in seinem modern-orthodoxen Umfeld des Minjan Wollishofen zwar mit Argwohn beobachtet, «aber ausgegrenzt fühle ich mich nicht». |
||||||||||||||||||
Eine Gewissensberuhigung
|
||||||||||||||||||
Die Kontroverse um den Appell erinnere ihn an die offenen Briefe, die der 2004 verstorbene ICZ-Ehrenpräsident Sigi Feigel an israelische Politiker geschickt habe, sagt Rolf Bloch, ehemaliger Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds. Er selbst halte nicht viel von solchen Aktionen: «Ich muss annehmen, dass sie von den Adressaten nicht gelesen, nicht beantwortet und nicht berücksichtigt werden und mehr der eigenen Gewissensberuhigung dienen.» Er zieht ein anderes Vorgehen vor: «Ich teile meine Bedenken lieber Schimon Peres persönlich mit – und das habe ich auch getan.» |
||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||
Weitere Berichte:
|
||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||
ISSN 1662-2626 - (C) 2010 - ISRASWISS [com/net/ch] - Alle Rechte vorbehalten |
||||||||||||||||||