Hollywood-Kopie der Hamas

Die radikal-islamische Organisation hat im Gazastreifen ihren ersten Spielfilm produziert. Der Held des Actionstreifens ist ein bekannter Hamas-Aktivist, der von israelischen Soldaten getötet wurde.

Wie überall auf der Welt war bei der Filmpremiere die örtliche Prominenz anwesend und setzte sich lächelnd für die Fotografen in Szene. Das war allerdings schon die einzige Parallele zwischen dem Termin der Hamas in Gaza und ähnlichen Veranstaltungen in Hollywood: Der erste Spielfilm der radikal-islamischen Organisation - ein Actionstreifen über einen bekannten Hamas-Aktivisten - wurde mit einem Budget von umgerechnet nur 140'000 Euro gedreht, und die Zuschauer sassen züchtig nach Geschlechtern getrennt vor der Leinwand.



«Qualitativ hochwertige Kunst?»

«Das ist Hamaswood statt Hollywood», sagte Fathi Hamad, der palästinensische Innenminister im Gazastreifen, nach der Premiere am Freitagabend in der Islamischen Universität. «Wir versuchen, qualitativ hochwertige Kunst zu machen, die islamisch ist und sich um den Widerstand dreht, ohne (sexuell) provokative Szenen.» Hamad hat «Emad Akel» produziert; das Drehbuch stammt von Mahmud Sahar, einem Führungsmitglied der Hamas. Neben seiner Arbeit als Arzt hat Sahar bereits drei Romane und zwei Drehbücher veröffentlicht.

Im Mittelpunkt des zweistündigen Films, der der erste Hamas-Blockbuster werden soll, steht Emad Akel, ein Kommandeur des militärischen Flügels der Hamas, der 1993 bei einem Gefecht mit israelischen Soldaten im Gazastreifen getötet wurde. Der damals 23-Jährige war wegen seiner zahlreichen Verkleidungen unter dem Namen «der Geist» bekannt: Er hatte sich unter anderem erfolgreich als jüdischer Siedler ausgegeben. Anfang der 90er Jahre stand Akel ganz oben auf der Liste gesuchter Palästinenser in Israel, weil er an der Ermordung von elf israelischen Soldaten, eines Zivilisten und eines palästinensischen Informanten bei verschiedenen Angriffen beteiligt gewesen soll.


Amateure vor und hinter der Kamera

An Action mangelt es in «Emad Akel» nicht. Der Hauptdarsteller schiesst häufig in James-Bond-Manier aus Autos heraus auf israelische Soldaten, was beim Premierenpublikum jedes Mal für lauten Applaus sorgte. Auf die bei westlichen Helden übliche Romanze muss Akel allerdings verzichten, und die weiblichen Schauspieler sind ausnahmslos in langen Gewändern und mit Kopftüchern zu sehen.

Was die dargestellten Israelis angeht - darunter zahlreiche Soldaten, der damalige Ministerpräsident Jitzchak Rabin und sein Generalstabschef Ehud Barak, heute Verteidigungsminister - setzt der Hamas-Streifen auf Schablonen und Stereotype. Rabin schnauzt einen unfähigen Barak häufig an, weil dieser die Hamas-Kämpfer nicht stoppen kann. Israelische Soldaten scheinen grundsätzlich zu schlafen, und schmierige Gestalten versuchen, Palästinenser zur Kollaboration zu bewegen, indem sie ihnen Frauen und Alkohol anbieten. Die Schauspieler, die Israelis darstellen, sprechen schlechtes Hebräisch mit deutlichem arabischen Akzent, zu ihren Dialogen gibt es Untertitel in Arabisch.

Alle Darsteller sind Amateure aus Gaza, darunter auch Mohammed Abu Rus, der Rabin spielt und diesem überraschend ähnlich sieht. Mit seiner Rolle habe er seinem Land dienen wollen, erklärte der 57-jährige Schreiner.


Kein einziges Kino im Gaza

Gedreht wurde «Emad Akel» in zehn Monaten, und die Hamas hofft, dass ihre Produktionsstätten eines Tages eine riesige Medienstadt werden. Derzeit besitzt die Organisation einen in Gaza ansässigen Satelliten-Fernsehsender, einen Radiosender und zahlreiche Nachrichten-Websites. Zwei Tageszeitungen stehen mit der Hamas in Verbindung, ausserdem geben die radikalen Palästinenser einen eigenen Newsletter heraus. Den Wachstumsplänen im Filmgeschäft versetzt die Isolation des Gaza seit der gewaltätigen Machtübernahme der Hamas allerdings einen Dämpfer.
Da es im Gazastreifen kein einziges Kino gibt, wird «Emad Akel» in einem Kulturzentrum zu sehen sein. Die Kinos wurden mit Beginn der ersten Intifada Ende der 80er Jahre geschlossen und die Hamas hat aus Angst von Machtverlust auch kein Interesse diese jemals wieder zu eröffnen.

Unterhaltung sei in Zeiten des Kampfs unpassend, hatten die Aktivisten in den Autonomiegebieten damals argumentiert. Inzwischen ist Sahar der Meinung, Spielfilme seien eine Möglichkeit für die Palästinenser, gegen die israelische Herrschaft zu kämpfen. «Widerstand kann ein Wort, ein Gedicht sein», sagt der literaturbegeisterte Mediziner.

Ihren nächsten Film wollen Sahar und Hamad über den palästinensischen Kämpfer Issedine al Kassam drehen, nach dem der militärische Flügel der Hamas benannt ist. Vor Ort drehen kommt dafür aber nicht in Frage - Al Kassam lebte in den 20er Jahren in der israelischen Stadt Haifa.
Quelle: jns und Agenturen
19.Juli 2009


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