Barenboim dirigiert in Kairo

Der Israeli weckt Enthusiasmus im Orchester

So wie am Donnerstag unter der Leitung von Daniel Barenboim hat man die 5. Sinfonie von Beethoven in Kairo noch nie gehört. Er interpretierte sie wild und laut, sanft und melodiös, tief und schwer.

Barenboim war gerade 48 Stunden in Kairo. Dennoch war sein Besuch wohl der wichtigste der letzten Jahre am Nil. Denn Barenboim ist Israeli, und auch wenn Kairo vor 30 Jahren ein Friedensabkommen mit Israel unterzeichnet hat, ist der Austausch von israelischen und ägyptischen Künstlern tabu. Hauptgrund dafür ist die israelische Besatzung palästinensischer Gebiete.


Ein Orchester blüht auf

Doch im Opernhaus war die Begeisterung über Barenboims Kommen mit Händen zu greifen. Zum Schluss standen die Zuhörer sogar auf und klatschten minutenlang. Zwar hatte Barenboim bei der Pressekonferenz zuvor gesagt, dass der Dirigent keine Macht habe, doch bewies er nun das Gegenteil. Unter seinen Händen blühte die 5. Sinfonie geradezu auf. Eine ägyptische Zuhörerin meinte: «Jetzt erst verstehe ich, was Beethoven mit seiner Musik wollte.» Ihr Mann sagte: «Und das Orchester spielt ganz anders als sonst.»

Das war das Erstaunlichste. Das Kairoer Sinfonieorchester, das aus wenigen ägyptischen und vielen Musikern aus Osteuropa und ehemaligen Republiken der Sowjetunion zusammengewürfelt ist, hat keinen guten Ruf. Etliche bekannte Dirigenten versuchten sich an ihm, doch alle sind gescheitert. Nicht so Barenboim. Es schien, als würden die Musiker plötzlich alles geben.

Auch wenn Israeli und Ägypter sich scheinbar hassen, haben sie gleich viel Sinn für grosse Gesten. Als der 67-jährige Barenboim zum Schluss den Musikern einzeln die Hand gab, applaudierte das Publikum frenetisch. Danach kehrte der kleingewachsene Barenboim auf sein Podest zurück und wandte sich zum Saal: «Ich weiss, dass mein Besuch Spannungen in Ägypten hervorgerufen hat.» Das Publikum wurde mucksmäuschenstill. Ausser Liebhabern klassischer Musik sassen da auch die Kader des ägyptischen Kulturministeriums. Sie hatten den Besuch Barenboims, der auf eine Idee der früheren österreichischen Aussenministerin Plassnik zurückgeht, erst möglich gemacht. Eigentlich hätte der Dirigent im Januar kommen sollen. Damals führte Israel im Gazastreifen Krieg, und das Konzert wurde abgesagt.

Barenboim erzählte nun, dass er und sein palästinensischer Freund, Edward Said, immer gemeinsam hätten nach Kairo kommen wollen. Nun sei Edward tot, und er sei allein angereist. Aber er sei froh, dass er als Israeli in diese arabische Stadt habe kommen und das ägyptische Orchester dirigieren dürfen. Allerdings sei sein und Edwards Projekt ein menschliches und kein politisches. In dem 1999 von ihm und Edward gegründeten «West-Eastern Divan-Orchestra» hätten sie erlebt, dass israelische und arabische Musiker sich beim Spielen unterstützten.


«Argentinischer» Dirigent

Barenboim hatte recht: Bei weitem nicht alle Ägypter waren froh über sein Gastspiel. Seine Gegner empörten sich darüber, dass Barenboim tatsächlich Israeli bleiben wolle, obwohl doch Israel die Palästinenser unterdrücke. Die Aufregung um Barenboims Staatsbürgerschaft war so gross in Kairo, dass fast vergessen ging, dass Barenboim Musiker und kein Politiker ist. Die ägyptische Tageszeitung «Al-Ahram» schrieb schliesslich, ein «argentinischer» Dirigent habe ein Konzert in Kairo gegeben. Barenboim ist nämlich in Buenos Aires geboren.

Trotz allem könnte Barenboims Gastspiel durchaus den Beginn eines Kulturaustauschs zwischen Ägypten und Israel darstellen. Einer der bekanntesten ägyptischen Schriftsteller, Gamal Ghitani, bewertete ihn als positiv und sagte, es sei wohl an der Zeit, die kulturelle Eiszeit zwischen Israel und Ägypten zu beenden. Der Schriftsteller weiss vermutlich, wie fruchtbar der Austausch von Literatur, Filmschaffen und bildender Kunst zwischen beiden Ländern wäre.

Quelle: jns und Agenturen
18.April 2009


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