Das Software-Wunderkind Shai Agassi hat ein revolutionäres Aufladesystem für Elektroautos entwickelt. Er ist ein Medienstar und hat prominente Förderer in der ganzen Welt.
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Renault/Nissan baut die Autos, Israel und Dänemark testen das System bald in der Praxis. Kanada hat Interesse angemeldet und in den USA wird Agassi zum Medienstar.
Vor mehr als 100 Jahren gründete Henry Ford seine Motor Company und leitete wenig später die wohl wichtigste technische Revolution des letzten Jahrhunderts ein: Das Massenauto. Dank des von ihm entwickelten Fliessbandes konnte Ford sein legendäres T-Modell so billig bauen, dass es auch für den Durchschnittsamerikaner erschwinglich wurde. Die Autokultur war geboren.
Das Elektroauto hingegen blieb lange ein viel belächeltes Hobby der Autoindustrie. Jetzt hat ein geradezu verzweifelter Wettbewerb eingesetzt, welcher Hersteller als erster ein vernünftiges Produkt vorzeigen kann. Die Chancen stehen gut, dass ein Aussenseiter das Rennen machen wird: Shai Agassi und seine Firma Better Place.
«Garagen-Firma» für 400 Millionen an SAP verkauft
Der Software-Ingenieur Agassi, 40, ist ein schillernder Mensch. Seine Mutter ist Marokkanerin, sein Vater Iraker, aufgewachsen ist er in Israel, ausgebildet wurde er im Silicon Valley und reich in Deutschland. Er hat seine «Garagen-Firma» TopTier für 400 Millionen Dollar an SAP verkauft. Das Angebot, CEO des Software-Riesen zu werden, hat er dankend ausgeschlagen. Stattdessen hat Agassi beschlossen, die Welt zu retten.
Zusammen mit prominenten Förderern – darunter der Kennedy-Clan und die Bronfman-Familie – hat Agassi wieder eine Firma gegründet: Better Place. Aus dieser Firma könnte eine Art Ford Motor Company des 21. Jahrhunderts werden. Sie will massentaugliche Elektroautos ermöglichen. Aber wie?
Zu gross, zu wenig Energie
Das Elektroauto ist bisher an der Batterie gescheitert. Sie ist immer noch zu gross und kann zu wenig Energie speichern. Selbst die modernsten Lithium-Ionen-Akkus können die Reichweite eines Personenwagens nicht auf mehr als hundertfünfzig Kilometer steigern. Alle Versuche, bessere Batterien herzustellen sind bisher gescheitert. Agassi setzt deshalb auf ein besseres Vertriebssystem und entwickelte ERGO, den «Electric Recharge Grid Operator».
Dieser Netzwerkbetreiber koordiniert die «Betankung» der Elektroautos. Automatische Ladestationen die rund 500'000 Dollar pro Stück kosten, werden landesweit aufgestellt. In diese Stationen fährt man wie in eine Waschanlage rein, ein Roboterarm greift sich die leere Batterie und ersetzt sie durch eine volle. Das Ganze dauert nicht länger als das Tanken von Benzin. Das Elektroauto hat mit ERGO zwar noch nicht die Reichweite eines Dieselwagens, aber ungefähr den Standard eines Benzinautos der 50iger-Jahre. Es hat aber einen gewichtigen Vorteil: Agassi schätzt, dass sein System die Kosten für den Treibstoff halbieren werden.
Autos für alle Chinesen und Inder
Andere Vorteile sind ebenfalls offensichtlich: Im 21. Jahrhundert wird das Elektroauto zur Pflicht. Einerseits werden die ökologischen Schäden immer grösser. Was passiert mit der Umwelt, wenn 1,3 Milliarden Chinesen und 1 Milliarde Inder massenhaft Auto fahren? Andererseits ist zwar nicht klar wann, aber sicher, dass Erdöl eines Tages nicht mehr zu Verfügung stehen wird. Und drittens hat der steigende Ölpreis der letzten Jahre politisch fragwürdige Folgen gehabt. Allein die USA haben letztes Jahr mit rund 700 Milliarden Dollar für Ölimporte autoritäre Regimes wie Saudiarabien oder Venezuela gestützt.
Diese Rahmenbedingungen und einflussreiche Förderer können es möglich machen, dass Agassi tatsächlich die Welt rettet. Shimon Peres, der grosse alte Mann der Politik in Israel, ist nicht nur von Agassi begeistert. Er hat auch den Kontakt zu Carlos Ghosn vermittelt, ein Schwergewicht in der Autoindustrie. Ghosn hat Renault und Nissan saniert und teilweise fusioniert. Er hat zugesagt, die Elektroautos für Better Place zu bauen.
Tests in kleinen Ländern
In Israel und Dänemark werden bereits die ersten Batterie-Tankstellen errichtet. Beide Länder sind ideal für Testzwecke. Sie sind so klein, dass das Reichweiten-Problem nicht so ins Gewicht fällt. Beide Länder haben zudem aus politischen und ökologischen Gründen grosses Interesse daran, unabhängig vom Erdöl zu werden.
Auch grosse Länder werden aufmerksam auf Agassi. Er hat kürzlich einen Partnerschaftsvertrag in Kanada abgeschlossen. Gleichzeitig wächst das Medieninteresse. Am Wef in Davos war er gefragter Interviewpartner, die «New York Times» würdigt ihn in einem langen und wohlwollenden Artikel.
«Der Beste, den es gibt auf der Welt»
Die Uhr tickt für Agassi. Amerikas marode Autoindustrie geht an Staatskrücken und braucht dringend neue Impulse. Die Regierung Obama hat einen «New Green Deal» versprochen, das Elektroauto-Konzept passt perfekt zu diesem Versprechen. Und an Selbstvertrauen mangelt es Agassi auch nicht.
Im «Magazin» liess er sich wie folgt zitieren: «Wenn es darum geht, ein undurchschaubares Hindernis in viele kleine Teile zu zerlegen, für jedes eine Lösung zu finden und anschliessend das Puzzle wieder zusammenzusetzen, vom Konzept bis zur Abwicklung, bin ich wahrscheinlich der Beste, den es gibt auf der Welt.»
Quelle: jns, Tagesanzeiger.ch/Newsnetz
9.Februar 2009
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