Höchste Auszeichnung - Mit 90 Jahren ist der Amerikaner Leonid Hurwicz der älteste jemals mit einem Nobelpreis Geehrte
Die drei Preisträger des diesjährigen Wirtschaftnobelpreises stammen erneut aus den USA und sind alle jüdischer Herkunft. Der 90-jährige Leonid Hurwicz ist der älteste jemals mit einem Nobelpreis Geehrte. Zusammen mit Roger B. Myerson und Eric S. Maskin hat er sich um die Weiterentwicklung der von ihm erdachten «Mechanismus-Designtheorie» eingesetzt. Myerson wendet seine Theorien derweil auf die Nahost-Politik Washingtons an.
Von Andreas Mink
Mit dem 90 Jahre alten Leonid Hurwicz, mit Eric S. Maskin von der Princeton University und dem an der University of Chicago lehrenden Roger B. Myerson hat die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie am Montag in Stockholm erneut drei Amerikaner mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrt. Während der wenige Wochen vor der Oktoberrevolution in Moskau geborene Hurwicz der bislang älteste Preisträger eines Nobelpreises überhaupt ist, sind Maskin und Myerson heute 56 Jahre alt. Die beiden haben sich um die Weiterentwicklung der von Hurwicz erdachten «Mechanismus-Designtheorie» verdient gemacht. Diese versucht als Ableger der Spieltheorie, die Regeln des Wirtschaftslebens so zu gestalten, dass sie Anreiz zu einem bestimmten Verhalten geben. Kollegen erklären die Arbeit der drei anhand eines Fussball-Vergleichs: Um Spannung für die Zuschauer zu erzeugen, gilt bei Turnieren die Regel «3 Punkte für Sieg, 1 Punkt für unentschieden». So haben einerseits Mannschaften einen höheren Anreiz, ein Unentschieden anzustreben, während die Zuschauer durch intensive Kalkulationen stärker in das Geschehen auf dem Platz involviert werden.
Konsequente Entscheidung
Gegenüber «Spiegel Online» nannte der Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts Thomas Straubhaar die Auszeichnung «konsequent», da sie zu den Entscheidungen vergangener Jahre passe, in denen bereits mehrfach Spieltheoretiker wie Reinhard Selten und John Nash geehrt worden seinen. Die drei diesjährigen Preisträger hätten untersucht, «wie Organisationen und Institutionen konstruiert sein müssen, damit als richtig erkannte Massnahmen umgesetzt werden können», so Straubhaar weiter. Dem Hamburger Volkswirt zufolge ist die Arbeit der drei Professoren auch hilfreich bei der Gestaltung von Politik, die häufig nach einem theoretischen Rahmen zur Begründung und Umsetzung von Reformen sucht. In den USA wird die Forschung von Hurwicz, Maskin und Myerson etwa bei der Entwicklung von Wohlfahrtsprogrammen angewandt.
Die drei Geehrten sind jüdisch, haben jedoch ganz unterschiedliche Lebenswege hinter sich. Hurwicz wurde im August 1917 in Moskau als Sohn von Flüchtlingen aus Polen geboren. Nach der Rückkehr der Familie ging Hurwicz kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zum Studium an die London School of Economics, ehe er nach einem Abstecher in die Schweiz gezwungen war, nach Portugal zu emigrieren. Von dort gelang im die Einwanderung in die USA. Seine Eltern entkamen der deutschen Invasion Polens, wurden aber in einem sowjetischen Arbeitslager interniert. Als Professor an der University of Minnesota wurde Hurwicz in den siebziger Jahren zu einem vielfach geehrten und anerkannten Fachmann, dessen Arbeit von jüngeren Kollegen wie Maskin und Myerson weiterentwickelt worden ist.
Eric Maskin kann auf eine brillante akademische Karriere zurückschauen, die ihn nach einem Studium an der Harvard University nach Cambridge in England und zu einer Assistenz-Professur am Massachusetts Institute of Technology geführt hat. Nach Lehrstühlen in Cambridge und Harvard forscht und unterrichtet Maskin seit 2000 als Professor for Social Science am Institute for Advanced Study in Princeton, einst die akademische Heimat Albert Einsteins. Dort beschäftigt er sich derzeit mit den theoretischen Grundlagen politischer Wahlen und der ungleichen Verteilung von Vermögen.
Ehrendoktor in Basel
Roger Myerson lehrt an der University of Chicago, die dank des dominierenden Einflusses von Milton Friedman über Jahrzehnte als Bastion der konservativen, auf individuelle Handlungsfreiheit in den Märkten eingeschworenen Wirtschaftstheorie galt. Myerson, seit 2002 Ehrendoktor der Universität Basel, stellt hier eine Ausnahme dar, da er als Wissenschaftler die Nahost-Politik der derzeitigen US-Regierung kritisiert. So hat er im vergangenen Jahr an der Synagoge Beth Emet in Chicago erklärt, die USA seien «ungebeten in Irak einmarschiert» und hätten so nicht nur das «einzige dort bestehende Netzwerk politischer Macht zerstört», sondern auch das Völkerrecht und das Vertrauen der Welt in die USA untergraben. Damit nicht genug: Da das Pentagon und die Besatzungsregierung nach dem Sturz Saddam Husseins nicht die Bildung lokaler Institutionen und Wahlen in Dörfern und Städten ermutigt habe, hat sich Myerson zufolge in Irak ein politisches Vakuum gebildet, aus dem der heute tobende Bürgerkrieg erwachsen ist. Für die Zukunft hat Myerson bei dieser Gelegenheit eine Übergabe der amerikanischen Mission an die UN vorgeschlagen, wobei er diesem durchaus sinnvollen Gedanken als nüchterner Wissenschaftler kaum reale Chancen einräumt. Myerson hat angewandte Mathematik an der Harvard University studiert und war bis 2001 Professor für Betriebswirtschaft und Entscheidungswissenschaften an der Kellogg School of Management der Northwestern University in Evanston. Seit 2001 lehrt er in Chicago. Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Basel hat ihn für seine «bahnbrechend innovativen Beiträge in den Bereichen Informationsökonomie und Spieltheorie» gewürdigt. Wie die Universität anlässlich der Nobel-Ehrung erklärte, hat sich Myerson stets für eine produktive Anwendung der Wirtschaftstheorie eingesetzt und Software-Instrumente entwickelt, welche die rationale Entscheidungsfindung vereinfachen.
Quelle: tachles
19. Oktober 2007
| zum Seitenanfang |
Weitere Berichte:
| zum Seitenanfang |
» Kritik für israelischen Mobilfunkanbieter
» Druckbare Version









