Glosse von Charles Lewinsky
Ein bisschen Denksport für alle Leser: Bitte schauen Sie sich diese beiden Abbildungen an, und beantworten Sie dann eine Frage!
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<-- „Stimmt überhaupt nicht, dass wir Ausländer nicht mögen, sie müssen nur gut gewürzt sein“ (Legende zur Karikatur aus dem Tages-Anzeiger) |
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Das eine ist ein Plakat- und Inseratesujet, mit dem die SVP in den Abstimmungskampf über die erleichterte Einbürgerung zog, das andere eine Karikatur, mit der Tages-Anzeiger-Karikaturist Nico den negativen Ausgang der Abstimmung kommentierte.
Und jetzt die Frage: Welches der beiden Sujets fand Nationalratspräsident Max Binder menschenverachtend?
Okay, okay, die Aufgabe war viel zu leicht. Natürlich war es der Ausländer am Spiess, den er so heftig missbilligte, denn unser Nationalratspräsident ist Mitglied der SVP und kann deshalb in gierigen fremden Händen, die räuberisch nach dem Schweizer Pass greifen, nichts Menschenverachtendes sehen. Etwas Fremdenfeindliches natürlich auch nicht.
Aber Nicos Karikatur, nein also wirklich, also hören Sie mal, so was darf man doch einfach nicht. Satire schön und gut, aber man kann alles übertreiben. Man muss doch immer geschmackvoll bleiben. Geschmackvoll sind Inserate mit Messerstechern und Schweizerfahnenschändern. Das ist gut schweizerischer Polithumor und hat ja auch eine lange Tradition. In den dreissiger und vierziger Jahren gab es viele solche Plakate, und zumindest in Deutschland haben sie ihre Wirkung schon damals nicht verfehlt.
Aber was dieser Nico da macht – pfui Teufel! Der Mann wohnt in Nizza, hört man sagen. Wahrscheinlich ist er sowieso ein Ausländer.
Und überhaupt: Man kann Ausländer so gut würzen, wie man will – wir von der SVP mögen sie trotzdem nicht.
Vielleicht hätte ich die letzten Abschnitte in Anführungszeichen setzen oder kursiv drucken lassen sollen. Denn wenn schon der protokollarisch höchste Schweizer den Unterschied zwischen ironischer Übersteigerung und Sachaussage nicht kapiert – und er war nicht der Einzige! –, wenn sich ernsthafte Parlamentarier über eine Karikatur mehr aufregen können als über den Politstil, der darin lächerlich gemacht wird, dann muss man sich um die Satire in unserem Land ernsthafte Sorgen machen.
Also, Herr Nationalratspräsident Binder, ganz langsam zum Mitschreiben: Nico glaubt nicht wirklich, dass Ihr Parteipräsident Ueli Maurer beim Puurezmorge Ausländer am Spiess grilliert. Während Ihr Parteipräsident Ueli Maurer wirklich glaubt, dass ein Schweizer etwas Besseres ist als ein Ausländer. Und die eidgenössische Jodelkultur wirklich gefährdet sieht, wenn Secondos einfach so den heiligen roten Pass bekommen könnten. Alles klar, Herr Binder? Setzen!
Satire hat es in der Schweiz schon immer schwer gehabt – auf einem Holzboden spriessen keine Blumen –, aber in diesem konkreten Fall konnte es einem schon unheimlich werden. Da tritt David gegen Goliath an, und hinterher beschweren sich die Philister darüber, dass der unfaire Kerl eine Steinschleuder benutzt hat.
Aber da wir schon mal bei den Denkaufgaben für tachles-Leser sind, hier gleich noch eine Frage: Die offiziellen Vertreter des Schweizer Judentums wissen aus unserer tragischen Geschichte am allerbesten, was für schlimme Auswirkungen ein hetzerischer Politstil haben kann. Mit welchen offiziellen Verlautbarungen haben sie also die Abstimmungskampagne der SVP missbilligt?
Da fällt Ihnen nichts ein? Machen Sie sich deshalb keine Vorwürfe. Unseren offiziellen Vertretern ist auch nichts eingefallen.
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