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Als Felix Müller in Deutschland geboren wurde, lag der Holocaust schon mehr als vier Jahrzehnte zurück. Doch der 20-Jährige, der derzeit mit der Aktion Sühnezeichen ein Jahr in Israel arbeitet, fühlt sich den Nazi-Opfern dennoch verpflichtet. Als Deutscher sei das nun einmal Teil seiner Geschichte, sagt Müller: «Ob ich will oder nicht.»

Im vergangenen Sommer begann er mit fast zwei Dutzend anderen Freiwilligen aus Deutschland in Israel ein freiwilliges Jahr, das sie unter anderem in Altersheimen oder Bildungs- und Sozialeinrichtungen ableisten.

Am Montag begingen sie gemeinsam mit den Israelis den Holocaust-Gedenktag. Die jungen Deutschen wollten an der Feier in der Gedenkstätte Jad Vaschem teilnehmen und mit jüdischen Schülern über die Verbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg diskutieren. Müller hat in seiner Zeit in Israel bereits tief greifende Erfahrungen gemacht.

In einem Altersheim ignorierte ihn eine 90 Jahre alte Bewohnerin wochenlang, bis sie eines Tages doch mit ihm ein Gespräch begann - auf Deutsch. «Sie sagte, dass sie seit 60 Jahren mit niemanden Deutsch gesprochen habe», berichtet Müller. Sie habe die Sprache nach der Shoah nicht mehr benutzt.

Die Aktion Sühnezeichen Friedensdienst (ASF, Ot Hakapara auf Hebräisch) wurde 1958 von Protestanten gegründet, die der Meinung waren, nicht genug gegen den Holocaust getan zu haben, wie Katharina von Münster vom ASF-Büro in Jerusalem sagt. Jedes Jahr entsendet die Organisation 180 Freiwillige weltweit, zwei Dutzend von ihnen nach Israel.
Als Ostdeutsche trage sie eine besondere Verantwortung, sagt Münster. Während die Bundesrepublik nach dem Krieg Verantwortung für die Nazi-Verbrechen übernommen und Entschädigungen gezahlt habe, habe die DDR in den 40 Jahren ihrer Existenz nichts dergleichen getan.

Rebecca Görmann arbeitet in einer Kinderbücherei im nordisraelischen Haifa. Bei ihrer Ankunft habe sie wegen ihrer Nationalität mit Anfeindungen gerechnet, berichtet die 19-Jährige. Doch letztlich gab es keinerlei negative Reaktionen. Überrascht zeigt Görmann sich, dass Israelis über den Holocaust mit schwarzem Humor sogar lachen können. So etwas sei in Deutschland nicht möglich.

Am nationalen Holocaust-Gedenktag sind in ganz Israel Bars, Clubs und Unterhaltungseinrichtungen geschlossen, im Fernsehen dominieren Holocaust-Themen. Um 10.00 Uhr Ortszeit (09.00 Uhr MESZ) ertönten die Sirenen und die Menschen überall im Land verharrten in Schweigen, um der sechs Millionen ermordeter Juden zu gedenken. Auch auf den Autobahnen kam der Verkehr zum Stillstand.

Verbände kritisierten die Regierung, sie tue nicht genug für die noch 250.000 Juden, die der Vernichtungsmaschinerie der Nazis entkamen und nun in Israel leben. Der Stiftung zu Gunsten von Holocaust-Überlebenden zufolge leiden bis zu 30 Prozent von ihnen unter finanziellen Schwierigkeiten. Viele Probleme würden wegen des zunehmenden Alters der Betroffenen erst jetzt offenbar, sagt der Direktor der Stiftung, Dubby Arbel.

Überlebende leiden häufig an psychologischen Problemen, die in traumatischen Erfahrungen in ihrer Jugend wurzelten, wie Arbel weiter berichtet. Die frühere Mangelernährung zeige sich heute in hoher Krankheitsanfälligkeit. Und während viele Menschen im Alter von ihrer Familie getragen würden, stünden viele Überlebende, die ihre Angehörigen im Holocaust verloren hätten, allein da.

Etwa 30 Holocaust-Überlebende sterben jeden Tag, wie Arbel weiter sagt. «Wenn wir ihnen jetzt nicht helfen, bleiben in fünf bis sieben Jahren nicht mehr viele, denen wir noch helfen können.»
http://www.asf-ev.de/

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