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Schock im Berner Oberland: Ein Antisemit publiziert im «Sigriswiler Anzeiger» Hasstiraden und Verschwörungstheorien gegen Juden und Israel.

«Das Weltjudentum hat die Ausraubung gewisser reicher Länder längst begonnen.» Die 4500 Einwohner der Gemeide trauen ihren Augen nicht, als sie den Beitrag von Otto Grossglauser im «Sigriswiler Anzeiger» lesen. In einer Art Leserbrief verbreitet er auf über fünf Seiten seine Ansichten über die Lage der Welt, wie der «Berner Oberländer» berichtet. Doch seine Weltanschauung ist die eines antisemitischen Verschwörungstheoretikers.

Der Front-Seitenkopf des «Sigriswiler Anzeigers» und eine der antisemitischen Passagen von Otto Grossglauser. Bild: zvg

Grossglauser schreibt:

Grossglauser streitet ab

Wie kam Grossglauser dazu, so einen Text zu veröffentlichen? Ist er ein Einzeltäter oder gehört er einer antisemitischen Gruppe an? Und vor allem: Stammt der Text tatsächlich aus seiner Feder? Diese Fragen hätte die Redaktion dieser Zeitung Grossglauser gerne gestellt. Doch dazu kam es nicht. «Ich habe nichts geschrieben», sagte Grossglauser am Telefon mehrfach. Einmal ergänzte er «oder haben Sie etwas dagegen?» - «Dann stammt der Text also doch von Ihnen?», antwortete der Journalist, worauf Grossglauser wieder mit «ich habe nichts geschrieben» konterte. Alles in allem also ein sehr unergiebiges Gespräch, das nichts dazu beitrug, seine Motivation zu ergründen und weshalb sein Name unter den Artikel stand.

Gesprächiger zeigte sich Martin Sommer (PBS), Gemeinderatspräsident von Sigriswil. Kein Wunder: Bei der Gemeinde gingen mehrere negative Reaktionen auf die Publikation ein, weil viele Leute fälschlicherweise meinten, beim «Sigriswiler Anzeiger» handle es sich um ein offzielles Publikationsorgan. Dieser Eindruck wird dadurch gestärkt, dass auf der Titelseite des Anzeigers das Gemeindelogo abgedruckt ist. «Der ‹Sigriswiler Anzeiger› ist ein Privatprodukt der Druckerei Wägli in Gunten», betonte Sommer gegenüber dieser Zeitung. Der Gemeinderat publiziere darin zwar immer wieder Informationen für die Bevölkerung, allerdings immer gegen Bezahlung. Einfluss auf den Inhalt des «Sigriswiler Anzeigers» habe der Gemeinderat indes nicht. «Wir haben über den Text von Herrn Grossglauser im Rat gesprochen und distanzieren uns klar vom Inhalt. In der neusten Ausgabe werden die Herausgeber eine entsprechende Stellungnahme von uns abdrucken», sagte Sommer weiter.

Gemeinde distanziert sich

Der Gemeindepräsident Martin Sommer: Die Gemeinde distanziere sich von diesem Text und weise darauf hin, dass der «Anzeiger» ein Privatprodukt sei. «Wir haben keinen Einfluss auf den Inhalt des Blattes.»

Pikant: Grossglauser ist Inhaber einer Einzelfirma im Bereich Holzverbauungen und Schwellenbau. Doch beruflich hat er noch ein weiteres Standbein: Er ist bei der Gemeinde Sigriswil zu 50 Prozent als Schwellenmeister angestellt. «Wir prüfen, ob sich gemäss unseren Personalrichtlinien gewisse Massnahmen aufdrängen», sagte Martin Sommer. «Irgendetwas wird aber ganz sicher passieren: Das kann ein persönliches Gespräch sein, eine Ermahnung oder ein Verweis.»

In der rechtsradikalen beziehungsweise antisemitischen Szene scheint Grossglauser bisher ein unbeschriebenes Blatt zu sein. Im Internet findet sich kein Eintrag auf einer allgemein zugänglichen Site, der ihn mit solchem Gedankengut in Verbindung bringen würde.

Die Herausgeberin des «Sigriswiler Anzeigers» ist die Druckerei Wägli in Gunten. Überaus peinlich ist die Angelegenheit Werner und Susanna Wägli, Inhaber der gleichnamigen Druckerei in Gunten und Herausgeber des «Sigriswiler Anzeigers». «Das lief wirklich unglücklich», sagte Werner Wägli zerknirscht gegenüber dieser Zeitung. «Ich habe nur den Anfang des ersten Textes gelesen und ihn in Druck gegeben.» Die ersten paar Zeilen von Grossglausers Hassschrift sind tatsächlich relativ unverfänglich und weisen keine rassistischen Äusserungen auf. Als Wäglis auf Folge 1 keine Reaktionen erhielten, drucken sie Folge 2 ab – und fanden sich plötzlich in einer Lawine negativer Reaktionen, worauf sie den Text von Grossglauser genauer lasen. «Wir distanzieren uns vom Inhalt voll und ganz», ergänzte Susanna Wägli. «Wir haben einen grossen Fehler gemacht, der uns sehr leid tut. Einen solchen Text werden wir nie wieder abdrucken.»

Ob Grossglauser und Wäglis wegen Verstosses gegen das Anti-Rassismusgesetz angezeigt werden, ist derzeit noch offen. Beim Untersuchungsrichteramt in Thun ist jedenfalls keine Anzeige eingegangen. Das will aber nichts heissen: Anzeigen können überall in der Schweiz gemacht werden.

Da nach dem ersten Abdruck keine Beschwerden der Bevölkerung eingegangen seien, habe man auch den zweiten Text ohne Bedenken gedruckt. Dann sei aber eine Lawine von negativen Reaktionen über die Druckerei eingebrochen, erklärt Wägli «Einen solchen Text werden wir nie mehr drucken!»

SIG erwägt, Anzeige zu machen

Auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG), der Dachverband von 17 jüdischen Gemeinden in der Schweiz, befasst sich mit dem Fall Grossglauser. «Wir wurden von einem schockierten Einwohner der Region darauf aufmerksam gemacht», sagte SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner gegenüber dieser Zeitung. «Wir waren bestürzt, als wir diesen Text im ‹Sigriswiler Anzeiger› gelesen haben. Es handelt sich hier um krass antisemitische Aussagen.» Es sei bedenklich, dass solche Texte in einer Zeitung einen Platz finden können, umso mehr als im «Sigriswiler Anzeiger» auch offizielle Informationen der Gemeinde erscheinen.

Der SIG kann Grossglausers Text keiner bestimmten rechtsradikalen Gruppe oder Strömung zuordnen. «‹Die Protokolle der Weisen von Zion› werden aber seit Jahren von verschiedenen antisemitischen Personen und Gruppierungen hervorgehoben.» Grossglauser war dem SIG bisher nicht bekannt.

Ob der SIG Anzeige erstattet, ist noch offen. «Wir prüfen momentan noch die verschiedenen Aspekte und bereiten die geeigneten Schritte vor», sagte Kreutner. «Angesichts des massiven antisemitischen Inhalts des Textes und dessen öffentlichen Verbreitung im Sigriswiler Anzeiger steht aber ein Verstoss gegen Artikel 261 bis des Strafgesetzbuches zweifellos fest.»

Quelle: jns und Agenturen
07.Februar 2010

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