Beleidigungen, Morddrohungen, Boykott: Die heftigen Reaktionen auf einen fragwürdigen schwedischen Zeitungsartikel erinnern an den Karikaturen-Streit. Israels Aussenminister beschimpft Schweden gar als antisemitisch. Doch Stockholm weist die Kritik zurück - und beruft sich auf die Pressefreiheit.
Carl Bildt, 60, ist ein Mann der Zeit. Und die nimmt er sich mit Vorliebe dann, wenn er mit Hilfe der neuen Medien kommentieren will, was er sonst in seiner Rolle als schwedischer Aussenminister so nicht sagen kann. Deshalb gehört Bildts privater Blog "All dessa dager" ("Alle diese Tage") mal wieder zu den politisch sensibelsten Quellen dieser Tage, in denen es zu schweren atmosphärischen Störungen der offiziellen Beziehungen zwischen der schwedischen Regierung und Israel gekommen ist.
Demonstranten vor der schwedischen Botschaft in Tel Aviv: "Antisemitisches Gräuelmärchen" (AFP)
Bildt wehrt sich in dem Blog gegen den Vorwurf des Antisemitismus aus Jerusalem und schreibt, dass "natürlich" das Boulevardblatt "Aftonbladet" die "Verantwortung für diese Sache übernehmen muss".
"Diese Sache" - das ist ein Artikel des auflagenstärksten Massenblatts vom vorigen Montag, der das bilaterale Verhältnis zwischen beiden Ländern inzwischen schwer belastet. Ein freier Autor hatte in einem im Feuilleton versteckten Beitrag den Verdacht geäussert, die israelische Armee entnehme palästinensischen Opfern Organe für eigene Zwecke.
Der Artikel stand unter der Überschrift "Die Organe unserer Söhne werden geplündert" und beruft sich auf Gespräche mit palästinensischen Familien, führt aber keinerlei Belege für den Vorwurf an. Die israelische Regierung reagierte empört und sprach von "Blutlüge" - unter Anspielung auf alte antisemitische Vorurteile, nach denen Juden im Mittelalter Blut getöteter Christen-Kinder für religiöse Rituale nutzten. Premier Benjamin Netanjahu verlangt, dass die Regierung in Stockholm den Zeitungsbericht offiziell "verurteilt". Regierungsmitglieder und Kommentatoren sprechen von "antisemitischen Gräuelmärchen" und fordern "angemessene Reaktionen".
Die blieben in der schwedischen Metropole unter Hinweis auf die Pressefreiheit aus. Nur Botschafterin Elisabet Borssin in Tel Aviv nannte den Artikel in einem diplomatischen Alleingang "schockierend" und "widerlich", und bekam dafür in der Heimat ihrerseits heftige Schelte.
"Schwedens Schweigen während des Holocaust"
Aussenminister Bildt sprach vor allem über seinen Blog. Dort schrieb er, die Redaktion von "Aftonbladet" müsse den Artikel rechtfertigen "von dem man doch annehmen musste, dass er starke Reaktionen hervorrufen würde". Und auch, dass er Verständnis für die israelische Angst vor neuem Antisemitismus habe und Forderungen, die schwedische Regierung möge sich distanzieren: "Aber so läuft es in unserem Land nicht - und so soll es auch nicht laufen."
Seit Samstag schweigt der Aussenminister nun, auch in seinem Blog. Dafür wird die Kritik aus Israel immer lauter. Und ein geplanter Besuch Bildts in Israel kommende Woche, bei dem er die schwedische EU-Präsidentschaft vertreten soll, wird von dem Streit überschattet. "Wer eine derartige Verleumdung nicht verurteilt, ist in Israel nicht willkommen," sagt Finanzminister Yuval Steinitz.
Vor allem Israels ultranationalistischer Aussenminister Avigdor Liebermann heizt die Stimmung an. "Das erinnert uns an Schwedens Handlungsweise im Zweiten Weltkrieg - damals griff auch niemand ein", erklärt der Hardliner. Er spielt damit unverhohlen auf ein immer noch unbewältigtes historisches Trauma des neutralen Landes an: Die zum Teil offene Kollaboration großer Teile der schwedischen Gesellschaft mit Hitlers Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkrieges. Liebermann setzte sogar noch einen drauf und sprach von "Schwedens Schweigen während des Holocaust".
Schwedische Journalisten dürfen nicht nach Israel
Inzwischen erinnert die diplomatische Fehde zwischen beiden Ländern fatal an den Karikaturen-Streit vor knapp vier Jahren. Nachdem die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" kritische Karikaturen des Propheten Mohammed publiziert hatte, fühlte sich die islamische Welt provoziert. Arabische und islamische Regierungen verlangten von Kopenhagen eine offizielle Distanzierung.
In islamischen Hauptstädten gingen Zehntausende auf die Strassen, wütende Demonstranten verbrannten dänische Nationalflaggen und griffen dänische Botschaften an. Wie damals sein dänischer Kollege Anders Fogh Rasmussen verteidigt nun auch Stockholms Regierungschef Fredrik Reinfeldt sein amtliches Schweigen mit dem Hinweis auf die Pressefreiheit und lehnt erst recht jede Entschuldigung ab: "Niemand kann fordern, dass die schwedische Regierung gegen ihre eigene Verfassung verstösst."
Wie damals wird diesmal in Israel zu einem Warenboykott gegen schwedische Händler mobilisiert, allen voran gegen den Möbelhersteller IKEA. Wie damals werden wechselseitig Botschafter einbestellt, gibt es Morddrohungen gegen den Autor, wird Journalisten aus dem skandinavischen Norden die Einreise verweigert.
"Rettet Israel vor seiner Regierung"
Und wie damals schliessen sich die Reihen auch an der journalistischen Heimatfront gegen die Angriffe von aussen. Und weisen jede Kritik und jeden Angriff auf die Pressefreiheit zurück. Die wichtige bürgerliche Tageszeitung "Dagens Nyheter" zitiert einen israelischen Kollegen Gregorio Gold, der seinen Landsleuten vorwirft, "ohne Verständnis für die Rolle der Presse in einer freien Gesellschaft" zu sein: "Das ist peinlich".
Und "Aftonbladet" legt noch nach: "Rettet Israel vor seiner Regierung", schreibt Leitartiklerin Helle Klein und wehrt sich gegen Vorwürfe, die Schweden seien antisemitisch: "Dauernd den Holocaust ins Feld zu führen, hilft uns nicht weiter".
Die Journalistin schliesst aber auch die eigene Regierung in ihre Kritik ein, ganz besonders Aussenminister Carl Bildt. Der solle endlich, schreibt sie, "aus seiner Blogosphäre in die wirkliche Politik auftauchen und traditionell aussenpolitische Kommunikation" betreiben - willkommen in der realen Welt. (» Manfred Ertel, Stockholm)
Aftonbladet-Chefredaktor
Nach tagelangen Protesten aus Israel meldet sich die schwedische Boulevardzeitung Aftonbladet zu Wort: Chefredaktor Jan Helin verteidigt in seinem Blog den umstrittenen Organraub-Artikel.
Chefredaktor Jan Helin: «In dieser Woche ist die Welt irr geworden»
Fast schon verzweifelt schreibt Jan Helin, Chefredaktor der schwedischen Boulevardzeitung Aftonbladet, in seinem Blog: «Ich bin kein Nazi. Ich bin kein Antisemit.» Im Eintrag mit dem Titel «In dieser Woche ist die Welt wegen eines Aftonbladet-Artikels irr geworden» versucht er, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: «Wir sollten uns beruhigen und zu den Sachfragen zurückkehren.»
Ob sich die israelische Regierung mit Helins Blogeintrag zufrieden geben wird, ist aber eher unwahrscheinlich. Zu hohe Wellen hat der Artikel des Journalisten Donald Bostrom bereits geworfen: Er sorgt für die schwerste diplomatische Krise zwischen Israel und Schweden seit Jahren.
Quelle: jns und Agenturen
25.August 2009
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