A. J. Jacobs, ein linksliberaler New Yorker Journalist mit jüdischen Wurzeln, hat ein Jahr lang nach strengen religiösen Regeln gelebt: ein Experiment.
Die alte Frage «Wie hältst du es mit der Religion?» kann A. J. Jacobs leicht beantworten. Für den linksliberalen, in einem ausgesprochen weltlichen Elternhaus aufgewachsenen New Yorker Juden bildeten zeit seines Lebens Werte wie Freiheit und Individualismus das höchste Gut. Für einen Gott war in seinem persönlichen Glaubenssystem dagegen bislang kein Platz. So ist es denn auch weniger religiöser Eifer als pure intellektuelle Abenteuerlust, die den 40-jährigen Journalisten dazu gebracht hat, zwölf Monate lang strikt nach den Gesetzen der Bibel zu leben. Dabei macht Jacobs keinen Unterschied zwischen moralischen und rituellen biblischen Gesetzen: Das Verbot, Mischgewebe zu tragen und Schweinefleisch zu essen, nimmt er ebenso ernst wie das Gebot, nicht zu lügen oder zu töten. Die jüdische und die christliche Tradition behandelt er (fast) gleich: Während im ersten, längeren Teil seines Selbstexperiments das Alte Testament oder die Hebräische Bibel im Vordergrund stehen, geht er im zweiten Teil dem Neuen Testament auf den Grund.
Kompliziertes Unterfangen
Schon bald erweist sich das bibeltreue Leben als kompliziertes Unterfangen. Die 613 Regeln, die orthodoxe Juden befolgen, verändern Jacobs Alltag ebenso wie sein Aussehen radikal. Mit seinem langen Bart und dem weissen Gewand zieht er selbst in der New Yorker U-Bahn die Blicke auf sich. Um sich nicht auf einen Stuhl oder eine Bank zu setzen, auf der zuvor eine unreine, weil menstruierende Frau gesessen hat, trägt er stets einen Klappstuhl bei sich. Seine penetranten Fragen nach der Zusammensetzung von Nahrungsmitteln wecken nicht nur bei seiner Ehefrau Julie Befremden, und auch mit dem unbedingten Vorsatz, stets die Wahrheit zu sagen, schafft er sich nicht immer Freunde. Sexuelles und materielles Begehren zu unterdrücken, ist für den konsumorientierten Grossstadtmenschen und «Esquire»-Redaktor anfangs ebenso schwer wie das dreimal tägliche «moralische Hanteltraining» des Betens.
Als er einen Ehebrecher mit Kieselsteinen bewirft, kommt es sogar fast zur Schlägerei. Hartnäckiger noch als die praktischen Hindernisse sind jedoch die theoretischen Zweifel: Kleidungsstücke mit Polyester sind rasch ausgemustert, doch die Frage, warum sich Gott überhaupt dafür interessiert, ob wir Mischgewebe tragen, lässt ihn nicht so schnell los.
Toleranter und ruhiger
Mit viel Witz und Selbstironie schildert A. J. Jacobs, der mit seinem Buch über die Encyclopedia Britannica auch hierzulande einen Bestseller landete, sein groteskes Leben nach den Vorschriften der Bibel, ohne dabei den religiösen Glauben ins Lächerliche zu ziehen. Sicher erinnern manche Szenen, etwa das alttestamentlich begründete Heuschreckenessen, an TV-Reality-Shows, die das voyeuristische Verlangen der Zuschauer befriedigen sollen. Doch in den Gesprächen mit chassidischen Juden und Amish People, mit in den Vereinigten Staaten sehr starken konservativen christlichen Fundamentalisten, aber auch Aussenseitern wie schwulen Evangelikalen gelingt es Jacobs, bei aller Skepsis doch Verständnis für Gläubige zu wecken.
Toleranter, mitfühlender und weniger kontrollsüchtig sei er durch das Experiment geworden, bescheinigt sich der Autor selbst. Und die vielen auf den ersten Blick gegen jede Vernunft verstossenden Regeln wirken auf ihn schliesslich nicht absurder als so manch anderer Zwang, dem wir uns im Alltag freiwillig unterwerfen. Im Gegenteil: Das Arbeitsverbot am Samstag lässt ihn innerlich zur Ruhe kommen, und das tägliche Beten verschafft ihm einen Endorphinrausch. Ein Gottesgläubiger ist der überzeugte Agnostiker Jacobs zwar nicht geworden, ein besserer Mensch vielleicht schon.
A. J. Jacobs: Die Bibel & ich. Von einem, der auszog, das Buch der Bücher wörtlich zu nehmen. Ullstein. 431 Seiten, ca. 35 Fr.
14.November 2008
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