Nach Luftangriffen im Gazastreifen stellt sich Israel auf einen längeren Krieg ein. Innerhalb 24 Stunden kamen 280 Menschen ums Leben, 600 wurden verletzt. Israel hat 6500 Reservisten einberufen. Vieles deutet darauf hin, dass bald eine Bodenoffensive statt findet.
Ein israelischer Polizist inspiziert den Schaden an einem Haus, das von einer palästinensischen Rakete getroffen wurde und einen Mann tötete in Netivot. (Bild: AP Photo/Sebastian Scheiner)
Israelische Patienten warten im Bunker des Aschkelon Barzily Spitals. (Bild: Keystone/Tsafrir Abayov)
Der Krieg werde «lang, schmerzhaft und schwierig» sein, sagte Ministerpräsident Ehud Olmert am Sonntag nach Beratungen der Regierung, wie Kabinettsminister Ovad Jeheskel mitteilte. Das Kabinett beschloss die Einberufung von 6.500 Reservisten.
Die Offensive begann am Samstagmittag mit einer ersten Angriffswelle, bei der nach Militärangaben Bomben mit einem Gewicht von insgesamt mehr als 100 Tonnen abgeworfen wurden. Die Luftangriffe wurden in der Nacht und am Sonntag fortgesetzt. Nach palästinensischen Klinikangaben kamen etwa 280 Menschen ums Leben, zumeist Angehörige der Hamas-Sicherheitskräfte. Mehr als 600 Menschen wurden verletzt.
Das erklärte Ziel der Offensive, die Raketenangriffe auf Israel zu stoppen, wurde zunächst nicht erreicht. Militante Palästinenser schossen am Sonntag Dutzende von weiteren Raketen und Mörsergranaten auf Israel ab. Eine Rakete schlug in der Nähe von Aschdod ein, der grössten Stadt im Süden Israels, die 38 Kilometer vom Gazastreifen entfernt ist. Dies ist die bislang grösste Reichweite palästinensischer Raketen. Am Samstag wurde ein Bewohner der israelischen Ortschaft Netivot getötet. Sechs Menschen wurden verletzt.
Die israelische Regierung erwägt nun offenbar auch einen möglichen Vorstoss von Bodentruppen im Gazastreifen. Augenzeugen sahen Soldaten und Panzer auf dem Weg zur Grenze.
Sendezentrale und Gefängnis getroffen
In den ersten 24 Stunden der Offensive wurden rund 250 Luftangriffe geflogen. Zu den Zielen am Sonntag gehörte die Sendezentrale von Al Aksa TV. Das Studiogebäude des von der Hamas genutzten Senders wurde zerstört. Die Übertragungen wurden aber mit Hilfe eines mobilen Senders fortgesetzt.
Bei einem Angriff auf die Zentrale der Sicherheitskräfte in der Stadt Gaza wurde auch ein Gefängnis getroffen. Vier Menschen kamen ums Leben, 25 wurden verletzt. Mit Warnschüssen in die Luft hielten Hamas-Polizisten besorgte Angehörige von Häftlingen auf Distanz. Kurze Zeit nach dem Angriff hissten Polizisten die grüne Fahne der Hamas in den Trümmern.
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Dritte Intifada
«Diese Angriffe stärken nur unsere Unterstützung im Volk und unsere Entschlossenheit», sagte der Hamas-Abgeordnete Muschir al Masri. «Wir werden uns nicht ergeben.» In der syrischen Hauptstadt Damaskus rief Hamas-Führer Chaled Maschaal zum Widerstand gegen Israel auf und sagte in Anspielung an die bisher zwei Aufstandsbewegungen der Intifada ab 1987 und ab September 2000: «Dies ist die Zeit für einen dritten Aufstand.»
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen rief Israel und die Palästinenser zu einer sofortigen Einstellung der Gewalt auf. Nach mehr als vierstündigen Beratungen äusserte sich der Rat am Sonntag in einer Erklärung sehr besorgt über die Eskalation im Gazastreifen und sprach sich auch für eine Öffnung der Grenzübergänge zwischen Israel und dem Gazastreifen aus.
Moschee getroffen
Ein Militärsprecher bestätigte Berichte, denen zufolge auch eine Moschee getroffen wurde. Es handle sich um eine «Basis für Terroraktivitäten», sagte er. Unterdessen rollten zahlreiche israelische gepanzerte Fahrzeuge zu einem möglichen Bodeneinsatz in Richtung Gazastreifen.
Die israelischen Luftangriffe auf Einrichtungen der Hamas im Gazastreifen haben in der arabischen Welt Empörung ausgelöst. In Ägypten, Jordanien, Syrien und dem Libanon kam es am Samstag zu Protestkundgebungen von Exil-Palästinensern. zu einer Welle von Protesten im Westjordanland gekommen. In Ramallah sowie in Hebron warfen palästinensische Jugendliche am Samstag mit Steinen auf israelische Kontrollpunkte und Soldaten. In Bethlehem, wo nach christlichem Glauben Jesus geboren wurde, schaltete die Stadtverwaltung als Zeichen der Solidarität mit den Bewohnern von Gaza die Weihnachtsbeleuchtung ab.
Vertrauter des Präsidenten - Angriffe sinnlos
In einer ersten Reaktion forderte der palästinensische Präsident Mahmud Abbas die israelische Regierung auf, «diese Aggression sofort zu beenden». Abbas, der sich am Samstag auf Reisen befand, rief die palästinensischen Demonstranten jedoch zur Zurückhaltung auf. Man werde keine gewaltsame Ausschreitungen dulden. Die palästinensische Polizei war überall im Einsatz, um aufgebrachte Jugendliche in Schach zu halten. Ein Vertrauter von Abbas, Nimer Hamad, gab der Hamas zumindest indirekt eine Mitschuld an der Offensive. Die Raketenangriffe auf Israel seien sinnlos. Man dürfe Israel keinen Vorwand für Militäraktionen liefern, sagte Hamad. Zugleich rief er Israel zur Einstellung der Luftangriffe auf.
Der im Exil lebende Hamas-Führer Chalid Maschaal rief im Sender Al-Dschasira die Palästinenser zu einer «dritten Infifada» auf.
Ägypten zitiert Botschafter
Der israelische Botschafter in Kairo wurde ins dortige Aussenministerium einbestellt, wo ihm persönlich mitgeteilt wurde, dass Ägypten die Luftschläge aufs Äusserste verurteile. In einer Erklärung aus dem Büro von Präsident Husni Mubarak hiess es weiter, die ägyptische Regierung wolle sich trotz der jüngsten Gewalt um eine neue Waffenruhe zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen bemühen. Auch müsse der Konflikt innerhalb der palästinensischen Organisationen beigelegt werden, um das Leid das Volkes zu lindern.
Der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora sprach von «kriminellen Militäroperationen» Israels. Der jüdische Staat füge damit ein weiteres Massaker zu seiner Liste von Massakern hinzu. In der Flüchtlingssiedlung Ain el Hilweh im südlichen Libanon bekundeten rund 4.000 Palästinenser ihre Solidarität mit den Bewohnern des Gazastreifens. Sie protestierten sowohl gegen Israel als auch gegen Ägypten und setzten dabei Reifen in Brand.
In der jordanischen Hauptstadt Amman protestierten hunderte Demonstranten vor der dortigen Niederlassung der Vereinten Nationen. König Abdullah II. forderte eine sofortige Einstellung aller militärischen Aktionen in der Region, da vor allem unbeteiligte Zivilpersonen, darunter Frauen und Kinder, die Opfer seien. Eine Eskalation der Gewalt werde Israel keine Sicherheit bringen, warnte der Monarch. Jordanien verlangte eine Dringlichkeitssitzung der Arabischen Liga.
Diese wird sich nun doch nicht am Sonntag treffen, um eine gemeinsame Position zu finden. Das Treffen sei auf Mittwoch verschoben worden, sagte der Generalsekretär der Liga, Amr Mussa, am Samstagabend. Am Freitag soll zudem ein Sondergipfel in Doha stattfinden, der sich mit den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen befasst. Die Liga ist ein Verbund 22 arabischer Staaten. Der Jemen hatte einen Krisengipfel gefordert.
Livni verteidigt Schritt Israels
In einem dringenden Brief an den Generalsekretär der UNO, Ban Ki-moon und den Vorsitzenden des UN-Sicherheitsrates, schrieb die israelische Botschafterin bei der UNO, Gabriela Shalev, und verteidigte darin Israels Entscheidung eine militärische Aktionen gegen die Terroristen im Gazastreifen durchzuführen, um dem tagtäglichen Beschuß ein Ende zu setzen. „Israel unternimmt die notwendigen Schritte um die Sicherheit ihrer Zivilbevölkerung vor Terroranschlägen zu gewährleisten, die von der Hamas und anderen Terrororganisationen im Gazastreifen herrühren. Die Hamas ist einzig und allein dafür verantwortlich, was sich jetzt dort abspielt“, so Shalev. „Der Angriff ist nur auf die Terroristen und die Terrorinfrastruktur ausgerichtet – nicht gegen die dortige Zivilbevölkerung und Israel sieht sich verpflichtet eine humanitare Krise zu vermeiden.“
Quelle: jns und Agenturen
28.Dezember 2008
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