Die Streitereien um ein Wohnhaus sind zu bösen Krawallen ausgeartet, seitdem liegt das Gebäude in einer militärischen Sperrzone. Die radikalen Israelis erwarten nach der nächsten Wahl Rückenwind aus Jerusalem.
Manches Urteil der obersten Richter in Israel ist für David Wilder nichts anderes als «Justizterror». Und in der Regierung seien einige mehr an ihrer Karriere interessiert als an Gerechtigkeit, echauffiert sich der Sprecher der jüdischen Siedler in Hebron. Vor einer Woche hat die Armee ein von Siedlern besetztes Haus geräumt. Die Wut sitzt noch tief. «Wenn man Menschen in die Ecke treibt, kann das zu einer explosiven Situation führen», warnt Wilder. Die biblische Stadt Hebron im Westjordanland, wo 800 radikale Siedler unter 200.000 Palästinensern leben, bleibt ein Pulverfass.
Die Spuren der letzten Gewaltrunde sind noch überall zu sehen. «Mohammed ist ein Schwein», sprühten Siedler mit schwarzer Farbe auf die Wand einer Moschee. Zwar haben Soldaten diese Beleidigung übertüncht, aber die Siedler behielten das letzte Wort. Einsam prangt jetzt ein schwarzer David-Stern an der Wand. Auf dem benachbarten Friedhof stehen geschändete Grabsteine wie eine Anklage. Israels amtierender Ministerpräsident Ehud Olmert bezeichnete die Ausschreitungen der Siedler nach der Hausräumung als Pogrom. «Als Jude bin ich beschämt, dass Juden so etwas tun können», sagte er.
«Haus des Friedens» von Polizisten bewacht
Auch die Wunden der Verletzten sind längst noch nicht verheilt. Der Palästinenser Madschi Dschabari zeigt die Spuren von Wunden im Gesicht und auf dem Kopf, die nach seinen Worten von Steinwürfen der Siedler stammen. «Mein Enkel ist ein Monat alt und liegt im Krankenhaus in Bethlehem. Er hat Tränengas der Armee eingeatmet», sagt der 43-Jährige. Die beiden 22 und 21 Jahre alten Söhne befinden sich in israelischem Polizeigewahrsam. Sie werden beschuldigt, einen 16 Jahre alten Siedlerjungen mit Steinen schwer am Kopf verletzt zu haben.
«Haus des Friedens» nennen die Siedler das vierstöckige Gebäude, das wie eine kleine einsame Insel inmitten einer arabischen Nachbarschaft liegt und von Soldaten bewacht wird. «Haus der Streitigkeiten» heißt es in der israelischen Presse. Für die Palästinenser war es immer nur das «Haus des Terrors».
Jeder will Opfer sein
Der Streit über die Eigentumsrechte ist längst vor dem Obersten Gericht gelandet. Die Argumente beider Seiten könnten Bände füllen. Nur in einem sind sich Siedler wie Palästinenser einig: Jeder ist hier das Opfer. Für die Siedler steht der Rechtsstaat auf dem Kopf, weil sie nach Angaben von Wilder mit Dokumenten sowie Video- und Audioaufnahmen beweisen könnten, dass sie das Haus rechtmäßig für eine Million Dollar erworben hätten.
Für den Palästinenser Fais Radschabi steht die Welt auf dem Kopf, weil er sich nach wie vor als rechtmäßiger Eigentümer fühlt. «Ich habe das Land vor 15 Jahren gekauft und darauf ein Haus für meine Familie gebaut», sagt er. Radschabi wollte mit seinen drei Frauen und 25 Kindern einziehen.
Rund ums Haus militärische Sperrzone
Bis ein Gericht in Jerusalem den Streit geklärt hat, soll das Haus jetzt leer in der Obhut des Staates bleiben. Siedler räumen deshalb ihr Hab und Gut aus den Wohnungen. Soldaten fräsen Schlösser und Riegel von Garagentoren auf, damit die Siedler nichts zurücklassen. Die Armee hat das Gebiet um das Haus herum zu einer militärischen Sperrzone erklärt, um eine Neubesetzung oder Krawalle zu verhindern.
Die Sorge scheint nicht unbegründet. Wilder warnt alle, die sich mit den Siedlern anlegen wollen: «Man sollte gut verstehen, dass die Menschen sich nicht einfach auf die Seite rollen und tot spielen und auch nicht einfach weggehen wie in Gusch Katif (eine 2005 geräumte Siedlung im Gazastreifen) und auch nicht mit jenen singen und tanzen werden, die sie rausschmeißen wollen. Das wird nicht geschehen.»
Hoffnung auf Wahlen im Februar
Für die Siedler steht mehr auf dem Spiel als das eine Haus in Hebron. 272.000 Juden leben nach Angaben des israelischen Statistikbüros im palästinensischen Westjordanland und weitere 191.000 im 1967 besetzten arabischen Teil Jerusalems. Zwar haben sie jetzt einmal eine Runde verloren, aber das scheint sie nur anzustacheln. «Wir werden weiter Eigentum in Hebron kaufen und nach einem rechtmäßigen Kaufabschluss einziehen», sagt Wilder.
Die Siedler hoffen auch auf Fürsprache, falls der rechtsgerichtete Likud von Oppositionsführer Benjamin Netanjahu am 10. Februar die Wahlen gewinnen sollte. Bei parteiinternen Wahlen haben «Siedler-Gurus» jeden vierten sicheren Listenplatz ergattert. «Ich hoffe, dass die Liste Netanjahu in die rechte Richtung lenkt», sagt Wilder und freut sich über sein Wortspiel. (Hans Dahne, dpa 2008/12)
| zum Seitenanfang |












