Die Tod eines Hamas-Terroristen in Dubai zieht immer weitere Kreise: So sollen mehr Personen beteiligt gewesen sein, als ursprünglich angenommen – darunter ein Doppelagent der Hamas und Mitglieder der Fatah. In Israel wächst die Kritik am Geheimdienst Mossad.
Die Polizei in Dubai hat offiziell den israelischen Geheimdienst Mossad für die Ermordung von Mahmud al Mabhuh am 19. Januar verantwortlich gemacht. Die Ermittlungen hätten gezeigt, dass der Mossad an der Tat beteiligt war, erklärte Polizeichef Dhahi Chalfan am Donnerstag. Es sei «zu 99 Prozent, wenn nicht zu 100 Prozent» sicher, dass der israelische Geheimdienst hinter dem Mordkomplott stecke, sagte er der Regierungszeitung «The National» aus dem Emirat Abu Dhabi.
Am Mittwoch wurden neue Erkenntnisse zum Tathergang veröffentlicht. Als der Hamas-Funktionär gegen 20.30 Uhr von einem Spaziergang in sein Hotelzimmer in Dubai zurückkehrte, wurde er von vier Männern mit Baseballkappen und T-Shirts erwartet, die als «Hinrichtungsteam» bezeichnet werden. Sie erwürgten ihr Opfer und verliessen das Zimmer. Bereits 20 Minuten nach der Tat sollen sämtliche Mitglieder des Mordkommandos das Hotel verlassen haben.
DER FALL
20. Januar, 15 Uhr. Mahmud al-Mabhuh landet am Flughafen von Dubai. Al-Mabhuh ist ein Waffenschieber der palästinensischen Terrororganisation Hamas. Vor 20 Jahren liess er zwei israelische Soldaten entführen und ermorden. Ein Staatsfeind Israels. Er kommt aus Damaskus, soll in dem kleinen Emirat Raketen kaufen. Iranische Raketen mit hoher Reichweite, die vom Gaza-Streifen aus auch Tel Aviv treffen könnten.
Mahmud al-Mabhuh checkt im Hotel „Al Bustan Rotana“ ein. Der Terrorist bemerkt nicht, dass er beschattet wird. Schon im Fahrstuhl stehen zwei Männer neben ihm. Sie tragen Tenniskleidung und merken sich Mahmud al-Mabhuhs Zimmernummer.
Am nächsten Tag um 13.30 Uhr wird er tot in seinem Hotelbett gefunden. An der Tür hing noch das Schild „Bitte nicht stören“. „Plötzlicher Anstieg des Blutdrucks“ diagnostiziert der Arzt zunächst.
Die Polizei von Dubai ermittelt tagelang. Dann finden die Fahnder heraus: Kurz vor Mahmud al-Mabhuh reiste ein unbekanntes Agententeam in Dubai ein. Zehn Männer und eine Frau werden vermutet. Alle mit gefälschten europäischen Pässen. Sie alle sind auf den Bildern von Überwachungskameras in Dubai zu sehen. Am Flughafen, in Einkaufszentrum – und auch auf al-Mabhuhs Hotelflur. Die Videos zeigen auch, wie die Agenten mit versteckten Funkgeräten kommunizieren. Telefoniert haben sie in Dubai mit speziell verschlüsselten Handys.
Ein fast perfekter Plan. Technik, wie nur Geheimdienste sie besitzen. Als Mahmud al-Mabhuh von einem Zimmermädchen gefunden wurde, hatten die Agenten Dubai längst verlassen. Dubais Polizeichef verdächtigt sofort und haltlos Israel: „Wir sind uns zu 99 Prozent sicher, dass der Mossad dahintersteckt.“
Im Thriller um den Mord an dem hochrangigen Hamas-Terroristen hat die Polizei in Dubai eine internationale Untersuchung gefordert. Der Mordfall sei zu einer weltweiten Angelegenheit geworden, sagte Polizeichef Dahi Tamim dem Sender Dubai TV. Tamim kündigte an, dass er einen internationalen Haftbefehl gegen den Direktor des israelischen Geheimdienstes Mossad, Meir Dagan, beantragen werde, falls Israel zweifelsfrei hinter dem Attentat auf den Hamas-Funktionär Mahmud al-Mabhuh stehen sollte. Dies sei nahezu sicher, sagte Tamim.
Nach Angaben der in Dubai erscheinenden Tageszeitung "Gulf News" hat der Polizeichef für die kommenden Tage "weitere Überraschungen" bei der Aufklärung der Tat angekündigt. "Neue Elemente und weitere Untersuchungen werden jeden noch bestehenden Zweifel an den gefährlichen Verdächtigen beseitigen", sagte Tamim. Der Polizeichef sprach von einem "international organisierten Verbrechen".
ES GIBT VIELE UNGEREIMTHEITEN
Mahmud al-Mabhuh reiste zum ersten Mal ohne Bodyguards.
Höchst ungewöhnlich für einen Top-Terroristen. Wollte die Hamas seinen Tod?
• Al-Mabhuhs Zimmer war von innen mit einer Kette verriegelt. Nahezu unmöglich, die Kette von aussen vorzulegen. Zumal die Agenten in Eile das Hotel verliessen. War nach den Agenten noch jemand im Zimmer des Terroristen?
• Al-Mabhuh wurde vor seinem Tod mit Elektroschocks gequält, dann mit einem Kissen erstickt. Ungewöhnlich für den Mossad, der in der Vergangenheit Schusswaffen oder Sprengstoff benutzte. War es doch ein anderer Geheimdienst?
NICHT 11, SONDERN 17 TÄTER
Die Behörden im Emirat glauben, dass nicht wie zuerst vermutet 11, sondern 17 Personen beteiligt waren. So zeigen Bilder einer Überwachungskamera eine zweite Frau, die etwa zur gleichen Zeit mit den anderen Killern das Hotel verliess. Sechs der mutmasslichen Täter sind noch nicht identifiziert. Zu ihnen könnten laut dem «Guardian» auch zwei Palästinenser gehören, die von Jordanien nach Dubai ausgeliefert wurden und der Fatah angehören sollen, die sich mit der radikal-islamischen Hamas einen bitteren «Bruderkrieg» liefert.
Ausserdem wurde der Hamas-Funktionär Nehru Massud am Mittwoch in Syrien verhaftet. Er soll Mabhuh nach Dubai begleitet und möglicherweise als «Doppelagent» bei der Operation geholfen haben. Laut israelischen Medien hat die Hamas-Führung in Damaskus eine interne Untersuchung veranlasst, um zu ermitteln, ob sie von Israel infiltriert wurde. «Die Ermordung einer derart wichtigen Person wie Mabhuh liess die Alarmglocken läuten», schrieb die «Jerusalem Post». Nur wenige in der Hamas hätten über die geheimen Aktivitäten von Mabhuh Bescheid gewusst, der für die Beschaffung von Waffen und Geld verantwortlich war.
In Israel weicht die Genugtuung über die erfolgreiche Operation immer mehr der Kritik. Zwar bestätigt die Regierung in Jerusalem nicht, dass der Mossad hinter der Tat steckt, doch die Indizien sind erdrückend. So steht inzwischen fest, dass die Namen von sieben Israelis mit doppelter Staatsbürgerschaft von den Killern verwendet wurden. Betroffen sind sechs gebürtige Briten und der vor 20 Jahren nach Israel eingewanderte Amerikaner Michael Bodenheimer, dessen Name in einem deutschen Pass auftauchte.
Die Betroffenen zeigten sich schockiert. «Ich bin ein Handwerker. Was wollen die von mir?», fragte etwa Paul Keeley, ein britisch-israelischer Doppelbürger. Seit er erfahren habe, dass sein Name bei der Aktion verwendet wurde, habe er grosse Angst um seine Familie. Michael Barney, der in einem Kibbuz in Galiläa lebt, erklärte, sein Pass sei nicht gestohlen worden, dennoch handle es sich um einen «sehr ernsten» Vorfall: «Es handelt sich um einen Fehler oder einen Fall von Identitätsdiebstahl.»
Kritisiert wird nicht nur der «Missbrauch» unschuldiger Menschen, sondern auch die Tatsache, dass die Killer in den gefälschten Pässen anscheinend ihre echten Fotos verwendet hatten. Sie wurde von der Polizei in Dubai veröffentlicht und weltweit verbreitet, was einer Enttarnung der Agenten gleichkommt. «Sie können nicht einmal mehr im Laden einkaufen», schrieb Eitan Haber, ein enger Mitarbeiter des ermordeten Premierministers Yitzhak Rabin, in der Zeitung «Yediot Ahoronot». Ein Kommentar in der Zeitung «Haaretz» forderte den Rücktritt von Mossad-Chef Meir Dagan.
NUR EINES IST KLAR
Alles deutet auf eine Geheimdienst-Aktion hin. Alle Spuren in dem Raum wurden laut Spurensicherung beseitigt. Offenbar sollte alles wie ein natürlicher Tod aussehen. Die Täter riefen sich nie direkt an, sondern bezogen Informationen und Kommandos aus Österreich. Das Kommando benutzten zudem Verschlüsselungs-Telefone, die im üblichen Handel normalerweise nicht zu kaufen sind.
Die Blitz-Operation war präzise geplant, ein Werk von Profis! Die Aktion dauerte von Ein- bis Ausreise der Täter weniger als 24 Stunden. Sie kamen auf verschiedenen Flügen nach Dubai, reisten anschliessend in unterschiedliche Länder ab, darunter auch nach Zürich, Frankfurt und Hongkong.
Alle Verdächtige hatten gefälschte Pässe – die falschen Ausweise stammen aus Grossbritannien, Irland, Deutschland. Zum Teil wurden Identitäten geklaut, in anderen Fällen erfunden. Waren es wirklich „Mossad“-Agenten, die al-Mabhuh töteten? Viel spricht dagegen und weniges dafür. Doch kaum ein anderer Geheimdienst würde eine solch riskante Aktion wagen. Jedoch einige der Agenten-Pässe gehörten Israelis mit doppelter Staatsbürgerschaft und ist nicht die Art des Mossads, eigene unbeteiligte Leute mit solchen Aktionen unnötig in Gefahr zu bringen.
FAKT: ZWEI DUBAI-KILER KAMEN AUS ZÜRICH
Der Druck auf Israel wächst. London, Wien und Berlin fordern eine Aufklärung des Falls. Und eine heisse Spur führt nach Zürich.
Peter Elvinger (l.) und Evan Dennings flogen von Zürich nach Dubai – und zurück. (ZVG)
Die Affäre um den Mord an Hamas-Führer Mahmud al-Mabhuh zieht immer weitere Kreise. Die Killer-Spur führt sogar nach Zürich.
Zwei der 17 beteiligten Agenten – sie werden per Interpol-Haftbefehl gesucht – flogen von Zürich nach Dubai. Und nach der Tat wieder zurück nach Zürich – auf verschiedenen Flügen. Die Agenten operierten unter den Decknamen Evan Dennings und Peter Elvinger.
Am 19. Januar um 2.29 Uhr kommt Elvinger in Dubai an, mit französischem Pass. Er trifft sich am Flughafen mit anderen Agenten und einem Palästinenser. Offenbar spielte auch der Hamas-Funktionär Nehru Massud eine Rolle als Doppelagent. Er wurde gestern in Syrien verhaftet.
Um 2.46 Uhr frühmorgens checkt Elvinger in einem Hotel ein. Trifft sich danach um 10.30 Uhr in einem Shoppingcenter mit weiteren Agenten. Um 15.51 Uhr bucht Elvinger aus dem Business Center des Crowne Plaza Hotel Zimmer 237 im Luxushotel Bustan Rotana – und einen Rückflug nach Zürich. Mabhuhs Zimmer 230 liegt auf dem gleichen Stockwerk wie Zimmer 237.
Um 16.33 Uhr checkt Elvinger im Bustan Rotana ein. Danach übergibt er die Schlüssel an einen anderen Agenten und verlässt das Hotel. Um 18.34 Uhr trifft das eigentliche Killer-Kommando ein. Sie benutzen das von Elvinger gebuchte Zimmer 237 als Rückzugsort. Um 20.46 Uhr verlassen die Killer das Hotel.
Vier Stunden später fliegt Evan Dennings zurück nach Zürich. Mabhuh ist inzwischen tot – je nach Quelle gequält und erwürgt oder vergiftet. Auch Elvinger verlässt Dubai. Die anderen Mitglieder der Operation fliegen nach Paris, München, Hongkong oder auch Johannesburg.
Die Koordination und Kommunikation der ganzen Killer-Aktion fand laut den Behörden aus Dubai über eine Zentrale in Wien statt. Mit SIM-Karten des österreichischen Anbieters T-Mobile – laut dem Magazin «Profil» insgesamt sieben. Die Agenten sprachen also nie über Telefon direkt miteinander.
Rudolf Gollia vom österreichischen Innenministerium bestätigt: «Es stimmt, seit Anfang der Woche laufen die Ermittlungen in dieser Causa.» Beim Erwerb österreichischer Prepaid-SIM-Karten ist, anders als in der Schweiz, keine Registrierung nötig. Der Interpol Haftbefehl gilt allerdings auch bei uns.
Teil 1 der Überwachungsvideos zum Mord in Dubai...
...Teil 2: Die Mörder kommen im Hotel an...
...Teil 3: Was vor und nach dem Mord geschah.
Quelle: jns und Agenturen
21.Februar 2010
| zum Seitenanfang |
Weitere Berichte:
| zum Seitenanfang |









