Der Zorn der Gottesfürchtigen
Die Störung der Sabbatruhe ist ihnen ebenso ein Dorn im Auge wie der Sumpf der Unmoral im Internet. Israels orthodoxe Minderheit hält mit Protesten nicht hinterm Berg – und wird von der Regierung meist stillschweigend toleriert.
Nur fünfzehn Prozent der israelischen Bevölkerung sind orthodoxe Juden. Als Minorität verstehen sie es aber immer wieder, für Aufruhr und Schlagzeilen zu sorgen. Mit ihren Protesten gegen den säkularen Charakter des Staates zerren sie nicht nur an den Nerven vieler Israeli, sondern auch am gesellschaftlichen Selbstverständnis der jungen Demokratie.
Unlängst richtete sich die Wut der Ultraorthodoxen gegen die Öffnung eines städtischen Parkhauses für Altstadtbesucher am Sabbat in Jerusalem. Seit einigen Wochen wüten die Gottesfürchtigen auch gegen den amerikanischen Computerchip-Hersteller Intel, der in seiner Jerusalemer Filiale durch Samstagsarbeit den Sabbat entweihe. Die nach mittelalterlichem Brauch gekleideten Männer mit ihren Pumphosen, Kaftanen und Pelzmützen sind bei ihren Protestaktionen keineswegs zimperlich. Bei ihrem Protest gegen die Wochenendarbeit bei der Firma Intel, die landesweit 6500 Menschen beschäftigt, blockierten sie Hauptverkehrsstrassen, beschimpften Polizisten als Nazis, bewarfen diese mit Flaschen und Steinen. Sie zündeten Mülleimer an, beschädigten parkende Autos und beschmierten städtische Einrichtungen.
Ambivalentes Verhältnis zum Staat
Anders als die nationalreligiösen Siedler, die aktiver Teil der israelischen Gesellschaft sind und zum Militär gehen, Fernsehen schauen und Internetanschluss haben, leben die Ultraorthodoxen in verarmten Bezirken in Jerusalem oder Bnei Brak abgeschirmt von den Verlockungen der Aussenwelt. In ihrer Angst vor der Moderne führen die Rabbiner des Jerusalemer Stadtteils Mea Shearim seit Wochen einen Kampf gegen die Gefahrenzone Internet und warnen panisch vor den moralischen Abgründen, die das weltweite Netz verbreite. Den Staat Israel erkennen die antizionistischen Orthodoxen nicht an. Einen jüdischen Staat zu schaffen, bevor der Messias kommt, ist ihrer Ansicht nach Gotteslästerung. Dennoch profitieren sie vom modernen Israel, das sie so vehement ablehnen, beziehen Sozialhilfe, Kindergeld und andere staatliche Subventionen. Sie zahlen keine Steuern und sind vom obligatorischen Militärdienst befreit. Dass dieser Sonderstatus langfristig nicht aufrechtzuerhalten ist, darüber herrscht ein breiter Konsens. Viele Israeli sehen in den religiösen Dogmatikern eine Bürde, Extremisten, die das Land in religiöser Geiselhaft halten. Was junge Israeli den Orthodoxen am meisten vorhalten, ist, dass sie vom dreijährigen Dienst an der Waffe befreit sind.
Israels Regierungen – ob links oder rechts – zeigen sich meist kompromissbereit gegenüber dem orthodoxen Lager. Keine Regierung hat es bisher gewagt, am Status quo zu rütteln. Nach wie vor ist die Beschäftigung von Juden am Sabbat gesetzlich verboten, ausgenommen sind nur die Bereiche Gesundheit und nationale Sicherheit. Es fahren keine Busse am Sabbat, das Familienrecht regelt das Rabbinat, es können keine interkonfessionellen Ehen geschlossen werden.
Anstatt konsequent Stellung gegen die jüngsten religiösen Eingriffe in den säkularen Alltag zu beziehen, heizte der israelische Justizminister Neeman die Atmosphäre noch an. In einer Rede bei einer Rabbiner-Konferenz sprach er sich dafür aus, das jüdische Religionsgesetz Schritt für Schritt zum bindenden Gesetz Israels werden zu lassen. Seine Äusserungen entzückten zwar die geistlichen Führer, empörten jedoch Politiker und Bürger. Als sich Minister Neeman mit Rücktrittsforderungen konfrontiert sah, versuchte er seine Worte in einer Rede vor der Knesset zu relativieren.
Die Oppositionsführerin Tzipi Livni sagte, Neemans Worte müssten Besorgnis bei jedem Bürger Israels auslösen, der die Demokratie wertschätze. Der Vorsitzende der linksliberalen Meretz-Partei, Oron, warnte gar vor einer «Talibanisierung» Israels. Der ehemalige Justizminister und angesehene Rechtsprofessor Amnon Rubinstein sagte, die Idee, in Israel biblische Rechtsprechung einzuführen, würde dem Staat seine demokratische Identität rauben und die Knesset ihrer Rolle als Repräsentantin des Volkswillens berauben. Laut der Vorsitzenden der Organisation Mavoi Satum (Sackgasse), die sich für eine Reform des Scheidungs- und Eherechts an den rabbinischen Gerichtshöfen einsetzt, hat die jüdische Rechtsprechung darin versagt, sich der modernen Zeit anzupassen. Die rabbinischen Gerichte hätten es nicht geschafft, in sechs Jahrzehnten seit der Staatsgründung eine einzige Frau zur Richterin zu berufen.
Ärger und Duldsamkeit
Obwohl säkulare Juden die Mehrheit in Israel stellen, ärgern sich zwar viele über die Provokationen der Orthodoxen, doch geschieht dies eher im privaten Kreis. Auch auf politischer Ebene gab es wenig Reaktionen auf die Gewaltexzesse in Jerusalem. Man könnte es sich ja mit den ultraorthodoxen Parteien verderben, die bei der Koalitionsbildung seit je das Zünglein an der Waage spielen. Lediglich an einem Wochenende protestierten zweitausend säkulare und moderat religiöse Israeli in Jerusalem gegen die religiöse Bevormundung in der heiligen Stadt. Der Knessetabgeordnete Nitzan Horowitz von der linken Meretz-Partei sagte, wenn Jerusalem für säkulare Juden keine freie Stadt mehr sei, dann übertrage sich dies auf den ganzen Staat. Er kritisierte auch die Vereinnahmung von Kiryat Juvel, einem säkularen Viertel in Jerusalem, das sich durch den Zuzug von Hunderten orthodoxer Familien schleichend zu einer streng religiösen Nachbarschaft wandele.
In Jerusalem stellen Orthodoxe ein Drittel der knapp 800 000 Einwohner. Der zunehmend religiöse Anstrich der Stadt hat bereits viele Einwohner ins weltoffene Tel Aviv vertrieben. Selbst der säkulare Bürgermeister und Hightech-Millionär Nir Barkat, der aufgrund seiner Versprechungen, die Stadt zu einem Lebensraum für alle Bürger zu machen, ins Amt gewählt wurde, vermag die Entwicklung nicht zu bremsen. Wer es etwa wagt, am Sabbat mit dem Auto durch religiöse Viertel zu fahren, muss damit rechnen, mit Steinen beworfen zu werden.
Orit Kamir, Co-Direktorin des israelischen Zentrums für Menschenwürde, kritisiert die Gleichgültigkeit, mit der die von Orthodoxen verursachten Tumulte und der zweifelhafte Vorstoss des Justizministers aufgenommen wurden. Sie ruft dazu auf, Stellung zu beziehen. Kamir bezeichnet das jüdische Recht zwar als faszinierendes Studienthema, in der praktischen Anwendung sei es aber weder demokratisch noch liberal, noch zionistisch. Es beruhe auf metaphysischen Quellen und respektiere keine individuelle Autonomie. Auch gebe es keine Gleichheit für Frauen und Männer vor dem biblischen Gesetz. Kamir meint, wenn die Religionsgesetze in Israel als staatliche Rechtsprechung gelten würden, dann wäre das Land auf dem besten Weg, eine jüdische Version Irans zu werden.
Naomi Bubis, » nzz
23.12.2009
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