Die ultraorthodoxen Juden in Jerusalem gehen auf die Barrikaden. Im Quartier Mea Schearim in Jerusalem sieht es aus wie am Zürcher Helvetiaplatz zum 1. Mai.
Die Ärmchen sind spindeldürr, die Rippen treten hervor, der Brustkorb ist eingefallen. Der kleine Junge sehe aus «wie ein KZ-Häftling», sagen seine Ärzte im Jerusalemer Spital Hadassah entsetzt. Gerade einmal sieben Kilo wiegt das drei Jahre alte Kind noch. Seine Mutter hat ihn fast verhungern lassen. Das medizinische Personal ist ihr schliesslich mit einer Überwachungskamera auf die Spur gekommen, die gefilmt hat, wie die 30-Jährige immer wieder die Nähr-Sonde entfernt.
Die streng religiöse Jüdin leidet offenbar am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, bei dem der Kranke anderen Schaden zufügt, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Die Polizei hat die derzeit mit ihrem sechsten Kind schwangere Frau verhaftet. Der Fall scheint klar – für die Justiz jedenfalls. Die ultraorthodoxe Gemeinde in Israel jedoch, der die Frau angehört, hält die Anschuldigungen für völlig haltlos. Sie probt den Aufstand.
Der schwarz gekleidete Mob
Vergangene Woche hat der ultraorthodoxe Mob sich in Jerusalem Strassenschlachten mit den Ordnungshütern geliefert. Allein in der Nacht zum Freitag wurden 18 Polizisten verletzt. Das fromme Jerusalemer Quartier Mea Schearim gleicht dem Zürcher Helvetiaplatz am 1. Mai: brennende Mülltonnen, eingeschlagene Fenster, aufgerissenes Pflaster, demolierte Ampeln. Nur dass hier statt des schwarzen Blocks der linksautonomen Szene die schwarzen Anzugträger der ultraorthodoxen Gemeinde am Werk sind: Männer und Knaben mit Schläfenlocken, Gebetsfäden und dunklen Hüten, deren aggressivste Handlung normalerweise darin besteht, die Seite eines Buches umzuschlagen.
«Unreine Zionisten!» brüllen sie und «Nazis!». Steine fliegen auf alles, was den Staat Israel repräsentiert, nicht nur Polizisten, sondern auch städtische Einrichtungen und deren Mitarbeiter. «So etwas haben wir seit der ersten Intifada nicht mehr gesehen», sagt Yair Maayan, Generaldirektor der Jerusalemer Stadtverwaltung in Anspielung auf den Aufstand der Palästinenser. Der bisherige Schaden wird auf mindestens 150 000 Franken geschätzt. «Wo steht in der Bibel, dass so etwas erlaubt ist?», empört sich Polizeichef Aharon Franco.
Proteste ultraorthodoxer Juden sind in Israel keine Seltenheit. Fast immer kommt es dabei auch zu Gewalt. Im Jahr 2005 verletzte ein streng religiö- ser Mann bei Demonstrationen gegen die Schwulenparade am Christopher-Street-Day mit einem Messer sogar drei Personen. An den vergangenen vier Wochenenden haben ultraorthodoxe Männer randaliert, weil der neue Jerusalemer Bürgermeister einem Parkhaus in der Nähe der Altstadt erlaubt hat, auch am Schabbat, dem jüdischen Ruhetag, zu öffnen.
Doch die Unruhen gegen die Festnahme der Frau, die ihr Kind hungern liess, zeigen eine neue Qualität der Auseinandersetzung. Sie treffen den Kern des Konflikts der Ultraorthodoxen mit dem Staat Israel: Die Frommen misstrauen der Obrigkeit zutiefst, sie verachten die Nichtreligiösen, und sie lehnen den Zionismus, die jüdische Nationalbewegung, vehement ab. Einen jüdischen Staat zu schaffen, bevor der Messias gekommen ist, ist ihrer Ansicht nach Gotteslästerung.
«Sie fühlen sich überlegen, denn sie glauben sich Gott nahe», sagt Ira Sharkansky, Politologe an der Hebräischen Universität Jerusalem. Sie seien isoliert, sprächen Jiddisch statt Hebräisch – die heilige Sprache solle nicht durch den Alltagsgebrauch beschmutzt werden. Sie haben ausserdem eigene Schulen, Läden und Kleidung.
Gegen den zionistischen Staat
Die Ultraorthodoxen zahlen keine Steuern, sind vom Militärdienst befreit und leben mit ihrer Kinderschar von Sozialleistungen. In den Augen der meisten säkularen Israeli nehmen sie viel und geben nichts. «Der Protest ist ideologisch. Er ist gegen den zionistischen Staat und seine Institutionen gerichtet», sagt Nissim Lion, Soziologe an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv. Meist gibt der Staat nach. So auch im Fall der Mutter, die ihr Kind hungern liess. Am Freitag kam sie auf Kaution frei und steht nun im Haus eines führenden Rabbiners unter Hausarrest. Dieser Schritt könnte den Mob zurück in seine Studierzimmer treiben.
Die ultraorthodoxe Minderheit stellt knapp 15 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Israel. Sie lehnt den Staat ab und geht trotzdem wählen.
» Silke Mertins, Jerusalem
19. Juli 2009
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