Israels kulturelle und wirtschaftliche Metropole wird in dieser Woche hundert Jahre alt. Als offizielles Gründungsdatum Tel Avivs gilt der 20. Nissan 5570. Sie gilt als die wahre Wirtschaftslokomotive - und als die liberalste Stadt im Nahen Osten. Sie trägt viele Namen - vom "kleinen Apfel" über "Silicon Wadi" bis hin zur "Pink City".
Tatsächlich wurde die Stadt bereits drei Jahre zuvor, im Juli 1906, bei einem Treffen von Juden aus Yafo gegründet, die den schwierigen und unsicheren Lebensbedingungen dort zu entkommen suchten. Am selben Tag traf ein Neueinwanderer namens Aryeh Akiva Weiss im Land ein, der den Bau einer neuen, sauberen Nachbarschaft mit westeuropäischem Lebensstandard unweit von Yafo vorantrieb. Er gründete zu diesem Zweck einen Verein, der sich später „Ahuzat Beit“ nannte.
Die Geschichte Tel Avivs beginnt mit einer Lotterie. Bis Pessach 1909 hatten 60 Familien Grundstücke erworben und trafen sich zur Stadtgründung auf den Sanddünen nördlich von Yafo. Weiss sammelte 60 weisse und 60 graue Muscheln. Auf die weissen schrieb er die Namen der Mitglieder und auf die grauen die Nummern der Grundstücke. Eines der anwesenden Kinder wies den Grundstücknummern anschliessend die Namen zu. So wurde die erste hebräische Stadt geboren.
Ein verwaschenes Gruppenfoto zeigt die Pioniere bei der Gründung ihres "Wüstenwunders", aus dem später die "erste hebräische Stadt" hervorgehen sollte. Auf dem Weg zu einer kosmopolitischen Metropole hat Tel Aviv in 100 Jahren noch viele andere Spitznamen getragen.
Knapp ein Jahr nach der Lotterie gaben die Gründer ihrer Siedlung den bis heutige gültigen offiziellen Namen. Die Gründerväter wollten damals neue Massstäbe setzen, um Käufer anzulocken. Sauber sollte der Ort sein und Hebräisch die Amtssprache.
Mitte der 20er Jahre lebten schon mehr als 30.000 Menschen in Tel Aviv. Bäume entlang der Hauptstraßen, Parks und Gärten machten aus ihr eine "Gartenstadt", auch wenn der amtliche Status einer Stadt erst 1934 verliehen wurde. Zu dieser Zeit waren bereits Zehntausende Juden vor der Verfolgung durch das NS-Regime in Deutschland und vor wachsendem Antisemitismus in Europa geflohen. Rund 130.000 Menschen lebten 1936 in Tel Aviv.
Mit den jüdischen Flüchtlingen aus Europa kamen auch Architekten. Viele hatten die Bauhaus-Schule absolviert. Sie entwarfen bis 1956 rund 4.500 Gebäude im klassischen Bauhaus-Stil. Der vorwiegend weiße, aber auch pastellfarbene Anstrich der Fassaden führte zwangsläufig zum nächsten Spitznamen: "Weisse Stadt". Tel Aviv ist das wohl weltweit grösste Bauhaus-Museum unter freiem Himmel. Seit 2003 gehört die weisse Stadt zum Weltkulturerbe. Die strengen Auflagen sehen vor, dass über 1.000 Häuser bis zum Originalzustand restauriert werden müssen.
Die Schönheit Tel Avivs
Zum diesjährigen Frühlingsfest feiert Tel Aviv seinen hundertsten Geburtstag. Zwar werden die Veranstaltungen auf den Boulevards der Stadt und auf ihren Plätzen stattfinden. Es ist aber nicht übertrieben zu sagen, dass der Jahrestag der Gründung der ersten hebräischen Stadt eine Art nationaler Feiertag ist.
Seit den Anfängen „Ahuzat Beit“ auf den Sanddünen am Meer symbolisiert Tel Aviv den Geist der Moderne, die Offenheit und die Freiheit, und so wird sie von Touristen und von Israelis empfunden. Nicht von ungefähr bezeichnet man sie als „Stadt ohne Pause“. Tel Aviv atmet, brummt und arbeitet 24 Stunden am Tag das ganze Jahr hindurch. Sein Name steht für eine lockere und gute Atmosphäre.
Über die Jahre hat Tel Aviv einige begabte Stadtplaner und glückreiche Bürgermeister gehabt, die seinem Antlitz beeindruckende Züge verliehen haben. Sie gilt als Hauptstadt des Bauhaus, ist bekannt für ihre alte Schönheit im Stil einer „Gartenstadt“, die nachbarschaftliche Gärten zwischen die niedrigen Häuser einflicht, und entlang ihrer Küste verläuft eine weitläufige und angenehme Strandpromenade. Denkmalschutz und Renovierung haben den wunderschönen Häusern der Vergangenheit ihren Rang und ihre Pracht zurückgegeben, ganze Straßenzüge sind schöner denn je wiederauferstanden. Auch die vernachlässigten Boulevards wurden renoviert und vibrieren heute vor Lebendigkeit. Museen, Galerien, Konzerthallen und Theater, eine Universität sowie private und staatliche Colleges, ein großer Park und Sportzentren bieten Kultur und Unterhaltung für die Einwohner der Stadt und ziehen Bürger aus dem ganzen Land an.
Doch die Metropole Israels – die extreme Antithese zur armen und immer religiöser werdenden Hauptstadt Jerusalem -, die zu einer Grossstadt ähnlich den meisten Grossstädten der westlichen Welt geworden ist, leidet an zwei hervorstechenden Mangelerscheinungen: einem schwachen öffentlichen Nahverkehr und Schmutz.
Der öffentliche Nahverkehr ist der Schwachpunkt Tel Avivs. Seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben die Regierungen für seine Verbesserung Diskussionen geführt und Beschlüsse gefasst: über eine U-Bahn oder eine Straßenbahn mit grossen Kapazitäten und ein funktionierendes Busnetz, die endlich die ständig anwachsenden, beklemmenden Staus an den Ein- und Ausfahrten der Stadt auflösen sollten, die in ihr den Verkehr zum Stillstand zu bringen.
Mit verschiedenen Ausreden und in einer ermüdenden Kettenreaktion blieben alle Pläne stecken, während die Luftverschmutzung, die Überfüllung und die finanzielle Bürde anwachsen. Angesichts der Erblühens Tel Avivs, dem Geschäfts- und Finanzzentrum Israels, sticht die Vernachlässigung der Peripherie besonders ins Auge. Ein effektiver öffentlicher Nahverkehr, der die Stadt schnell mit dem Norden und dem Süden verbindet, würde diese wirtschaftlich-gesellschaftliche Härte lindern.
Auch die Sauberkeit der Strassen begleitet die Stadt wie ein dunkler Schatten, und kein Bürgermeister ist ihm gewachsen gewesen. Und dennoch, und obwohl einige Stadtviertel noch immer erstaunlich hässlich sind, gibt es „schönere als sie“, wie der Tel Aviver Dichter (Nathan Alterman) schrieb, „aber keine, die so schön ist wie sie“.
Selbst von dem Schimpfwort der „Blase“, das ihm anhaftet, muss Tel Aviv sich nicht beleidigt fühlen. Ein Staat, der ein normales Leben führen möchte, braucht manchmal eine solche Blase. (Leitartikel der Haaretz-Redaktion)
Tel Aviv zum Hundertsten
Keine zwei Städte ergänzen sich besser als Tel Aviv und Jerusalem. Doch die Bewohner von Israels politischer und spiritueller Hauptstadt betrachten ihre Landsleute 60 Kilometer die Strasse hinunter oft so, als kämen sie von einem anderen Planeten. Was für die Tel Aviver okay ist, die ihre Küstenstadt, die wirtschaftliche und kulturelle Hauptstadt des Landes, als das wirkliche Israel ansehen.
Die Jerusalemer, deren Stadt zwischen Judäa und Samaria eingekeilt ist, sind manchmal ausser sich, wenn selbstgefällige Tel Aviver so tun, als wäre die Grüne Linie 1800 Kilometer entfernt und nicht lediglich 18.
Diejenigen, die Tel Aviv schnell als blosse Imitation von Miami abtun und sein schwüles Sommerklima bemängeln, seien jedoch dazu eingeladen, einen zweiten Blick zu wagen. Tel Aviv ist eine absolute Wonne im Frühling und im Herbst, was jeder, der an der Küstenpromenade entlang spaziert, sofort bestätigen würde.
Dies ist sicherlich die kultivierteste und toleranteste Stadt Israels. Was macht es schon, dass die Atmosphäre am Shabbat anders ist als in Jerusalem? Die Schönheit Israels im 21. Jahrhundert liegt darin, dass es beide Atmosphären bietet. Dabei wird die Stadt zu pauschal als Heimat der „Hebräisch sprechenden Nichtjuden“ abgetan, obwohl das Interessen am Judentum dort doch noch nie grösser gewesen ist.
Also haben alle Israelis – arrogante Jerusalemer eingeschlossen - Grund dazu, den 100. Jahrestag der Gründung Tel Avivs zu feiern, einen Neuanfang in einem von Geschichte durchtränkten Land.
Es beeinträchtigt die Heiligkeit Jerusalems nicht, Tel Avivs Strände, Museen, Parks, Bauhäuser und die in die Höhe schiessenden Azrieli Towers zu würdigen. Das ist der Grund, weswegen die diesjährigen Feiern zum Unabhängigkeitstag unter dem Motto „100 Jahre der ersten hebräischen Stadt – Tel Aviv-Yafo“ stehen werden. Die Feierlichkeiten beginnen am Samstagabend auf dem Rabin-Platz, mit einer Klang- und Lichtschau, begleitet von den Israelischen Philharmonikern unter der Leitung von Zubin Mehta.
Tel Aviv-Yafo ist der Kern einer Metropolis, die sich von Rehovot im Süden bis nach Herzliya im Norden erstreckt. Das heutige Tel Aviv mit seinen Wolkenkratzern, seiner urbanen Ausbreitung und seinen aufgewerteten Wohngegenden war als Gartenvorstadt der Hafenstadt Yafo geplant worden, in dem sich 1820 erstmals ein jüdischer Reisender aus Konstantinopel niederliess.
Über die Jahre wurde Yafo die Heimat von erst sephardischen, dann auch ashkenasischen Juden. Mit Geldern des Jüdischen Nationalfonds und gegen die Widerstände der osmanischen Behörden, begannen Juden auch jenseits der Stadtmauern Land zu erwerben.
Am 11. April 1909 trafen sich die Gründer Tel Avivs am Strand, um die Grundstücke für die neue Nachbarschaft namens Ahuzat Beit zu verteilen. Der Name „Tel Aviv“ wurde am 21. Mai 1910 geprägt und war der Titel von Nachum Sokolovs Übersetzung von Theodor Herzls Roman „Altneuland“; man findet ihn auch in Hesekiel 3, 15.
Während die osmanischen Herrscher die Juden im Ersten Weltkrieg vertrieben, breitete Tel Aviv-Yafo sich über 100 Quadratkilometer ausserhalb der Mauern des alten Yafo aus. Die Einwohner empfingen die britische Mandatsmacht mit offenen Armen.
Während der arabischen Ausschreitungen des Jahres 1921 flohen die meisten Juden Yafos nach Tel Aviv.
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war Tel Aviv das Zentrum der „illegalen Einwanderung“ auf dem Seeweg. Als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, wurde die Stadt von arabischen Stellungen in Yafo aus beschossen. Als die Hagana Yafo eroberte, flohen die meisten seiner 100 000 arabischen Einwohner.
Am Tag der Unabhängigkeit hatte Tel Aviv 210 000 Einwohner. 1949 wurde es mit Yafo vereinigt und einigen arabischen Dörfern, die verlassen worden waren. Heute beherbergt Tel Aviv eine Bevölkerung von 400 000 Einwohnern.
Der Iran bezieht sich auf Tel Aviv als Hauptstadt des „zionistischen Regimes“. Und in der Tat sind alle ausländischen Botschaften hier angesiedelt. Vielleicht ist es leichter für Ausländer, die israelische Verbindung zu einer Stadt „ohne Geschichte“ zu akzeptieren als die zu einer Stadt, die jüdische Assoziationen von Jahrtausenden auf sich zieht.
Aber Tel Aviv stellt die erste jüdische Stadt dar, die „kein Ghetto“ war, wie es Marcus Ehrenpreis 1927 in „Soul of the East“ ausgedrückt hat.
Der Dichter Chaim Nachman Bialik schrieb, er liebe Tel Aviv, da „wir es mit unseren eigenen Händen aufgebaut haben“, da man sich niemandem für seine guten Seiten verpflichtet fühlen oder für seine schlechten Seiten rechtfertigen müsse. „Ist es nicht das ganze Ziel unserer Erlösung… die Eigentümer unseres Körpers und unserer Seele zu sein, die Herren unseres Geistes und unserer Schöpfungen?“ In der Tat.(Leitartikel der Jerusalem Post)
Stadt mit einem Traum
100 Jahre nach seiner Gründung stellt Tel Aviv ein Dilemma dar: Ist es das Modell, dem das ganze Land folgen sollte, oder wird es immer ein Staat im Staat bleiben, der sich entsprechend seiner eigenen Gesetze verhält?
Auf viele Arten hat Tel Aviv es geschafft, das Format beizubehalten, unter dessen Prämisse es gegründet worden war: Es ist relativ säkular, relativ bürgerlich, relativ reich und relativ liberal.
Trotz ihres wilden Images hat die Stadt über die Jahre Beständigkeit gezeigt und das Profil beibehalten, das ihr von den Gründervätern vorgegeben worden war. Mein Grossvater, ein Ehrenbürger der Stadt, kam hier 1932 an, um mit Menschen wie ihm selbst zu leben – mit Kindern, die ihre religiösen Seminare und Orte verlassen hatten und weltlich geworden waren, um sich in ‚Gutbürgerliche’ zu verwandeln.
Sie hatten kultivierte Träume: zur Arbeit gehen, auf dem Heimweg zu einem kurzen Kaffee einkehren, und einmal in der Woche ein Stück im Habima-Theater anschauen. Auch heute, als mehr als 100 Jahre alter Mann, spaziert mein Grossvater jeden Morgen zum Kikar Hamedina, setzt sich auf eine Bank und beobachtet junge Frauen in farbenfrohen Kleidern, die wie flimmernde Sonnenstrahlen an ihm vorbeihuschen.
Das Land – oh, das Land – hat sich jedoch in vollkommen andere Richtungen entwickelt: konservativer, radikaler und traditioneller. Es beschuldigt Tel Aviv, manchmal zurecht und manchmal blindlings, es versuche sich als fröhliche und sorglose europäische Stadt zu verkleiden, während alle anderen mit Sorgen kämpfen und sich einem entschiedenen Existenzkampf widmen.
Dieses Image ist größer als das Leben. So ist es eben mit Images. Tel Aviv hat nicht weniger Narben als irgendeine andere Stadt in Israel. Diese reichen von den Selbstmordanschlägen auf den Bus der Linie 5 bis zu den Raketen des ersten Golfkrieges. Der Hauptunterschied ist, dass Tel Aviv sich weigert, von der Geschichte belastet zu werden. Das überlassen wir den Jerusalemern.
Es gibt keine Heiligen in unseren Gassen, unsere Rabbiner lächeln mehr als üblich und wenn wir sagen, dass einer einen harten Tag gehabt habe, dann meinen wir, dass er seinen Kater noch nicht auskuriert hat.
Es stimmt, dass Selbsttäuschung eine Rolle spielt. Israel ist nicht Dänemark und Tel Aviv ist nicht Kopenhagen. Wir haben andere Probleme, die sehr viel komplexer sind. Andererseits muss man auch nach etwas streben.
Die Gruppe von Menschen, die 1909 Jaffa verliess und in die Sanddünen ging, verkörpert die israelische Version von „Ich habe einen Traum“. Vielleicht kann Israel kein westliches Land sein, das das Leben nicht zu ernst nimmt. Aber wir dürfen darauf hoffen. (Von Yair Lapid)
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Quelle: jns und Agenturen
13.April 2009
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