"Wir müssen zu den Palästinensern sprechen"
In klaren Worten nimmt der bekannte israelische Autor David Grossman – er hat im Zweiten Libanonkrieg von 2006 einen Sohn verloren – gegen die Art und Weise Stellung wie Israel die Operation «Gegossenes Blei» durchgezogen hat. In dem Essay, dessen voller Wortlaut diesen Freitag in «tachles» lesen sein wird, schreibt er unter anderem:
«So zufrieden Israeli sein mögen, dass die technischen Schwächen des Zweiten Libanonkriegs korrigiert worden sind, sollten wir einer anderen Stimme unser Ohr leihen – der Stimme, die sagt, dass die Erfolge der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte in der Konfrontation mit der Hamas nicht beweisen, dass die Lancierung einer derart massiven Kampagne berechtigt war. Sicher bedeuten sie keine Berechtigung für Israels Vorgehen im Verlauf der Kämpfe. Diese militärischen Erfolge bestätigen einzig, dass Israel stärker ist als die Hamas, und dass es unter gewissen Umständen auf seine eigene Art hart und grausam sein kann.
Wenn die Kanonen erst einmal vollständig schweigen und das ganze Ausmass des Tötens und der Zerstörung bis zu dem Punkt bekannt werden, an dem auch die selbstgerechtesten und ausgeklügelten Verteidigungsmechanismen der israelischen Psyche überwunden werden, dann prägen sich vielleicht gewisse Lehren in unser Hirn ein. Dann werden wir vielleicht endgültig verstehen, wie gründlich und fundamental falsch unsere Aktionen in dieser Gegend seit Menschengedenken sind – wie irregeleitet, unethisch, nicht weise und vor allem immer wieder verantwortlich für das Entfachen der Flammen, die uns verzehren (…).
Sogar wenn die Palästinenser mit willkürlicher Gewalt agieren, wenn sie Selbstmordattentäter und Kassemraketen benutzen – Israel ist stärker als sie. Das kann einen riesigen Einfluss auf das Ausmass der Gewalt im Konflikt als Ganzes haben, ebenso wie auf seine Eindämmung und sogar Beendigung. Die derzeitige Konfrontation lässt nicht vermuten, dass irgendjemand in der israelischen Führung die entscheidende Bedeutung dieses Aspektes des Konflikts wirklich bewusst und verantwortungsbewusst erfasst hat.
Irgendwann einmal werden wir trotz allem danach trachten, die Wunden zu heilen, die wir verursacht haben. Wie aber kann dieser Tag je näher rücken, wenn wir nicht verstehen, dass unsere militärische Macht für uns nicht das dominierende Instrument sein kann in den Bemühungen, für uns in dieser Region einen Pfad anzulegen? Wie kann dieser Tag je näher rücken, wenn es uns nicht gelingt, die Schwere der Verantwortung zu erfassen, die infolge unserer komplexen und schicksalhaften, vergangenen und künftigen Beziehungen zu den Palästinensern der Westbank, des Gazastreifens und Galiläas auf unseren Schultern lasten? (…)
Wir müssen zu den Palästinensern sprechen: Das ist die wichtigste Schlussfolgerung der jüngsten Runde des Blutvergiessens. Wir müssen auch zu jenen sprechen, die unser Recht nicht anerkennen, hier zu existieren. Anstatt die Hamas zum jetzigen Zeitpunkt zu ignorieren, sollten wir eher von der neu geschaffenen Realität profitieren und unverzüglich den Dialog mit ihnen aufnehmen, ein Dialog, der uns gestatten würde, eine Einigung mit dem ganzen palästinensischen Volk zu erzielen. Wir müssen mit ihnen sprechen und anfangen, einzusehen, dass die Realität nicht eine einzige hermetische Geschichte ist, die wir und auch die Palästinenser uns seit Generationen erzählen. Realität ist mehr als nur die Geschichte, in der wir gefangen sind, eine Geschichte, die zu grossen Teilen aus Fantasien, Wunschdenken und Albträumen besteht. (…)
Wir müssen sprechen aus dem Verständnis heraus, das entsteht, wenn wir auf die schreckliche Zerstörung blicken, wenn wir zu begreifen beginnen, dass der Schmerz, den wir uns gegenseitig zuzufügen imstande sind, so enorm, so zerstörerisch und so endlos sinnlos ist, dass er uns letztlich alle vernichten wird, wenn wir uns ihm ergeben und seine Logik akzeptieren.
Wir müssen sprechen, denn das, was in Gaza in den letzten Wochen geschehen ist, hat einen Spiegel geschaffen, in dem wir in Israel unser eigenes Gesicht sehen – ein Gesicht, das uns, würden wir es als Aussenstehende anschauen oder an einem anderen Volk sehen, schockieren würde. Wir würden sehen, dass unser Sieg kein wirklicher Sieg ist, und dass der Krieg in Gaza die Wunde nicht geheilt hat, die so dringend einer Heilung bedarf. Vielmehr hat dieser Krieg einzig die tragischen und nie enden wollenden Fehler hervorgehoben, die auf der Suche nach unserem Weg begehen.»
tachles, jns 20.01.2009
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